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Finanzielle Hilfen: Fonds für sexuelle Gewalt

Vor einiger Zeit wies mich meine Therapeutin noch einmal darauf hin, nun vll doch endlich einmal einen Antrag beim Fonds für sexuelle Gewalt zu stellen. Da ich deshalb also damit konfrontiert war, mich doch endlich mal damit auseinanderzusetzen, möchte ich euch heute erzählen was es da für Hilfsmöglichkeiten gibt und wie ihr das alles am besten anfangt.

Fonds für sexuelle Gewalt

Der Fonds ist eine richtig tolle Sache. Wer sexuelle Gewalt im familiären Bereich oder durch nahestehende Aufsichtspersonen (aus dem familiären Umfeld) erlitten hat, kann daraus bis zu 10.000 € schöpfen. Dazu stehen dem Fonds bundesweit bis zu 62 Mio. Euro zur Verfügung.

Die aktuelle Bearbeitungszeit dauert, nach Angaben des Fonds für sexuelle Gewalt und nach neusten Reglungen nur 3 – 4 Monate. Mein Antrag wurde nach ca. 2 Monaten genehmigt.

Wer kann Gelder aus dem Fonds beantragen?

Alle die zur Tatzeit minderjährig und auf deutschem Boden gemeldet waren. Zudem muss die Tat zwischen dem 23. Mai 1949 (Gründung der BRD) bzw. dem 7. Oktober 1949 (Gründung der DDR) und vor dem 30. Juni 2013 (Inkrafttreten des Gesetzes zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellen Missbrauchs – StORMG) begangen wurden sein.

Das Opfer muss zudem in irgendeinem nahen Verhältnis zum Täter gestanden haben. Darunter fallen die (Stief-)Eltern, Großeltern, Onkel, Tante, (Stief-)Geschwister, enge Freunde der Familie, Babysitter, Aufsichtspersonen, usw.

Ergänzendes Hilfesystem für Opfer sexueller Gewalt im institutionellen Bereich

Hierrunter fallen alle öffentlichen und privaten Einrichtungen, Träger und Vereinigungen denen Minderjährige, dauerhaft oder vorübergehend, zum Zeitpunkt des Missbrauchs, anvertraut waren (z.B Vereine, Sozialverbände, Kirchen, usw.).

Zu beachten gilt dabei eigentlich nur, dass bei diesem Antrag lediglich eine Empfehlung vom Fonds an die entsprechende Institution geht und die Gelder dann auch von dieser Institution bezahlt werden. Diese kann daher selbstständig, unabhängig der Empfehlung, entscheiden ob sie dem Antrag zustimmt oder nicht.

Welche Leistungen kann man beantragen?

Es sind bis zu 10.000 € in Form von Sachleistungen möglich. Menschen mit Behinderung können zudem einen Mehraufwand von bis zu 5000 € zusätzlich beantragen, sofern dieser notwendig ist (z.B durch Assistenz, erhöhte Mobilitätskosten, usw.). Bargeld wird allerdings nicht ausgezahlt, ebenso lassen sich keine Schulden davon tilgen.

Beantragen kann man dafür aber:

  • Weitere Psychotherapiestunden (die nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden)
  • Komplementär- und Fachtherapien (zum Beispiel Kunsttherapie, Maltherapie, Reittherapie, Tanztherapie, Musiktherapie, Körpertherapie, usw.)
  • Fahrkosten zu den Therapien, zum Ort des Missbrauchs (zur individuellen Aufarbeitung), Beratungsstellen, …
  • Aufarbeitung im Rahmen von Selbsthilfeorganisationen
  • Hilfe bei Heil- und Hilfsmitteln (z.B Physiotherapie, Ergotherapie, Bäder, Massagen, Zahnbehandlung, Rollstuhl, etc.)
  • Individuelle Unterstützung, z.B im Haushalt, Begleitung zu Gerichtsterminen, Betreuung, usw.
  • Unterstützung beim Nachholen eines Schulabschlusses, einer Fachausbildung, der Aufnahme eines Studiums oder was sonst in den Bildungstechnischen Rahmen fällt – Mir wurde z.B die Übernahme der Kosten für den Führerschein genehmigt
  • Individuelle Unterstützungen (im Härtefall), wie z.B einen Assistenzhund, Wohnung und Möbel (bspw. bei Obdachlosigkeit o.ä), Sachen die den Mobilitätsbereich betreffen, usw.

Wichtig ist dabei eigentlich nur, dass die beantragte Leistung in einem Zusammenhang mit den Folgen des Missbrauchs steht. Ich hab z.B Massagen mit angegeben, wegen der dauerhaften Anspannung in meinem Körper. Auch sämtliche anfallende Kosten für einen Sport können da übernommen werden. Bei mir z.B Wing Tsun (ein Selbstverteidigungssport).

Aber auch wenn Hilfeleistungen aus dem bestehenden Sozialrechtssystem unangemessen verzögert werden, kann der Fonds in Vorleistung treten. Voraussetzung ist, dass eine Übernahme der Kosten durch den betroffenen Kostenträger erwartet wird.

Die Antragsstellung

Antrag familiärer / institutioneller Bereich: Link

Die Anträge haben jeweils um die 20 Seiten. Ihr braucht keine Täternamen angeben, müsst keine Anzeige stellen und ihr benötigt auch keine vollständigen Erinnerungen. Das fand ich persönlich unglaublich erleichternd. Ihr müsst dort, soweit es eure Erinnerungen zulassen, nur auf ungefähr 4 Seiten kurz angeben oder ankreuzen was passiert ist. Da bei mir z.B so gut wie gar keine Erinnerungen existieren, habe ich halt auch nur die Bruchstücke aus Flashbacks genommen, die da sind. Zudem Dinge die mich sehr stark triggern, Kameras in einem bestimmten Kontext z.B. Ihr seht das dann auf dem Antrag, wie ich das meine.

Der Großteil des Antrags besteht dann aber eigentlich aus den gewünschten Leistungen. Ihr tragt dort ein, was ihr euch wünscht, legt die entsprechenden Nachweise mit bei und fertig.

Senden könnt ihr den Antrag dann als Scan per Email an kontakt-fsm@bafza.bund.de oder per Post an:

Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben
Referat 505 – Geschäftsstelle FSM
Auguste-Viktoria-Str. 118
14193 Berlin

Falls ihr Fragen habt gibt es auch eine Hotline: 0800 400 10 50

Viele Fragen werden aber auch direkt schon auf der offiziellen Website geklärt unter Fragen & Antworten.

Was braucht ihr für die gewünschten Leistungen?

  • eine Kostenaufstellung (bspw.: Wieviel kostet eine Stunde bei euer/m Therapeutin/en? Beim Führerschein habe ich einen Kostenvoranschlag benötigt oder bei dem Sport z.B die monatlichen Kosten, usw.)
  • evtl. Qualifikationsnachweise der entsprechenden Ärzte oder Therapeutin (z.B für die Kunsttherapie – Ich hab da einfach angerufen und dann haben die mir eigentlich alles notwendige zugeschickt)
  • evtl. einen Nachweis, das die beantragten Leistungen nicht oder nicht mehr von der Krankenkasse, Jobcenter o.ä Trägern übernommen werden (z.B weil euer Therapiestundenkontingent aufgebraucht ist oder die Stunden anderweitig nicht übernommen werden, oder bei einer Wohnungseinrichtung übernimmt ja z.B auch oft das Jobcenter sowas in Form einer Erstausstattung – Am besten fragt ihr bei den Trägern nach und lass euch das kurz schriftlich per Mail o.ä geben)
  • eine kurze Erklärung, inwieweit die beantragte Leistung mit dem Missbrauch in Verbindung steht bzw inwieweit sie den Schaden mindern kann (z.B bei Massagen wegen der Anspannung, Selbstverteidigung für mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, usw.)
  • ein aktueller Bericht eueres Therapeuten oder ein aktueller (bzw. der letzte) Klinikbericht – Ist glaube ich, aber kein Muss

Das hört sich erstmal nach total viel an, war aber letztendlich gar nicht so wild. Ich habe mir im Voraus überlegt, was ich machen möchte. Dann die passende Stelle im Antrag dazu gesucht (da ist alles schön und übersichtlich beschrieben) und dann rausgeschrieben, was ich dazu brauche. Und mit dieser Liste dann die einzelnen Stationen abtelefoniert.

Emotionale Belastung

Da ich ja normalerweise gar nicht so leicht triggerbar bin, habe ich die Auswirkungen etwas unterschätzt, wenn ich ehrlich sein soll. Als ich den Antrag angeklickt und die ersten paar Seiten überflogen habe, musste ich erstmal heulen wie ein Schlosshund🙈, weshalb ich das Ding dann auch beiseite legen musste. Beim nächsten Anlauf ging es dann schon ein bisschen besser, zumindest was das Geheule anging 😅. Körperlich machte mir das Ganze allerdings schon dezent zu schaffen. Die Haut juckte wieder überall, der Kopf tat weh, der Bauch schmerzte. Der Rücken fühlte sich total steif an und machte Ärger, Schwindel usw..

Dazu kam das Emotionale. Zuerst die starke Abneigung überhaupt weiter zu machen. Der Gedanke damit die Familie zu verraten. Etwas falsches zu tun.

Und dann gab es ein paar Probleme mit einer Freundin. Also da waren vorher schon ein paar Punkte die mich sehr störten, ich aber nichts sagte. Es gab dann einen ähnlichen Fall und das war, in diesem ganzen Kontext, einfach zu viel. Mir war aber schon bewusst, dass ich gerade total getriggert bin und ich deshalb so stark reagierte. Ich fühlte mich einfach total benutzt. Also nicht per se von ihr, sondern allgemein. Komplett. Wie ein dreckiger Gegenstand, der nur aus dem Schrank geholt wird, wenn er seinen Zweck für andere erfüllen soll. Die Konstellation von diesem Antrag, bzw. dessen Thema, und dann noch das, war einfach zu viel für mich und das hat einige Tage ganz schön reingehauen. Ich habe mich total eingekapselt und auf nichts und niemanden mehr reagiert.

Hilfe suchen

Unterschätzt das also nicht unbedingt. Holt euch ruhig Hilfe zur Seite, wenn ihr den Antrag ausfüllt. Muss ja nicht jeder so dickköpfig sein, wie ich 😅. Dazu könnt ihr in eine Beratungsstelle vor Ort gehen. Wo überall welche sind, findet ihr in diesem Link.

Meist kennen sich aber solche Stellen wie der Opferhilfe, Opferberatung, Wildwasser, Karo e.V, Beratungsstellen für Frauen (die Gewalt erlitten) oder LARA e.V gut damit aus und können euch weiterhelfen.

Dann könnt ihr euch bei generellen Fragen auch wieder an die oben genannte Nummer wenden oder bei konkreten Fragen erreicht ihr dienstags bis donnerstags von 09:00 bis 15:00 Uhr telefonisch jemand unter:

030 18555-1988

Was gibt’s noch dazu zu sagen?

Wenn euch der Antrag einmal genehmigt wurde, könnt ihr auch später nochmal Leistungen daraus beziehen (bis zu den max. 10.000€ eben). Also wenn ihr jetzt 20 Therapiestunden beantragt und später feststellt: ,,Huch, da könnte ich aber nochmal 10 brauchen.“ ist das kein Problem. Ihr erhaltet ein Zeichen (z.B „HFT64J“) und das gebt ihr bei weiterem Schriftwechsel einfach mit an. Ich hab jetzt auch nirgendwo rauslesen können, dass der Anspruch nach einer bestimmten Zeit verfliegt oder so. Also keine Panik, wer nicht alles innerhalb von einem Jahr verbraucht.

Weiter könnt ihr dann entscheiden, ob der Fonds die jeweils angefallene Rechnung direkt an der Empfänger zahlt (dazu müsst ihr eine Einverständniserklärung abgeben) oder ob ihr in Vorleistung geht und danach das Geld vom Fonds zurückerhaltet. Ich finde es jedoch ganz angenehm, dass z.B meine Therapeutin das direkt mit dem Fonds abrechnen kann und das nicht erst über mich laufen muss.

Letztendlich: 

Hatte ich riesen Bammel davor und fühlte mich im ersten Moment, so vor dem Antrag sitzend, auch mega überfordert. Dazu kam die Angst, dass wieder was abgelehnt oder unnötig in die Länge gezogen oder kompliziert gemacht wird. Aber es gab keine unangenehmen Fragen, kein Hick-Meck oder sonst was nerviges. Ich war wirklich positiv überrascht. Auch wurde mir alles genehmigt, ohne lange Diskussionen o.ä Ich kann von meiner Seite aus, es also nur jedem empfehlen.

Empathie

Was ist Empathie?

Das Wort Empathie leitet sich aus dem altgriechischen „empátheia“ ab und bedeutet soviel wie „Mit-leiden“ oder „Mit -fühlen„.

Als mögliche Erklärung dafür werden übrigens unsere Spiegelneuronen in Betracht gezogen, welche im Stirnlappen des Gehirns dafür sorgen, dass wir die selben neuronalen Aktivitätsmuster zeigen, sowohl wenn wir eine Handlung ausführen, als auch wenn wir sie nur bei anderen beobachten. Und bei Emotionen ist das ebenso möglich, da die Spiegelneuronen dabei genauso aktiviert werden.

Empathie ist etwas unglaublich wundervolles und wertvolles, da sie uns die Möglichkeit eröffnet uns in andere Wesen hineinzuversetzen, hineinzufühlen und mit ihnen mit zu fühlen. Aber nicht nur andere können wir dadurch besser verstehen, sondern sogar auch uns selbst (wenn wir uns objektiv aus der Meta-Ebene betrachten).

Dennoch ist Empathie nicht gleich Empathie…

Welche Formen der Empathie gibt es?

Emotionale Empathie

= emotionale Sensitivität (affektiv)

Hier liegt das Hautaugenmerk beim Mitfühlen. Du siehst und verarbeitest die Gefühle eines anderen nicht nur, sondern du fühlst sie auch selbst. Es ist fast ein bisschen als würde man davon „angesteckt“.

Das kann soweit gehen, dass wenn z.B jemand in den Raum reinkommt und schlecht drauf ist, ich sofort spüren kann, dass da irgendwas nicht in Ordnung ist. Oft kann ich nicht genau zuordnen was es ist. Ich glaube das liegt aber oft auch an den konfusen Emotionen des anderen. Wir selbst empfinden ja schließlich auch nur selten ausschließlich Wut oder Trauer etc, sondern es ist oft ein Mix aus mehreren Gefühlen gleichzeitig. Oder wenn ich z.B Tiere in Gefangenschaft sehe, dann empfinde ich ihren Schmerz. Das Gefühl gefangen zu sein. Die Angst. Die Wut. Deshalb gehe ich z.B auch nicht gerne in Zoos oder Tierparks.

Die emotionale Empathie macht es uns möglich, sanfter und passender auf andere einzugehen, weil wir spüren was der andere braucht. Wenn jemand gerade total geladen ist oder traurig und du spürst das, dann kannst du deine eigenen Reaktionen ganz anders anpassen. Gleichzeitig kann sie aber auch unheimlich belastend wirken, da wir ständig allen möglichen Emotionen ausgesetzt sind, die wir gar nirgends richtig zuordnen können und dabei sogar noch denken, es wären unsere Gefühle. Wir fühlen uns dabei dann z.B plötzlich grundlos schlecht und wissen gar nicht warum.

Kognitive Empathie

= Perspektivenübernahme

Bei der kognitiven Empathie versteht und erkennt man die Emotionen des anderen, aber man fühlt sie nicht. Ich sehe also z.B dann das du gerade traurig bist, könnte aber nicht mit dir mitfühlen. Das hört sich so banal an, so nach: „Na das sieht ja aber jeder“ – Ja, ne 😅. Es gibt so Menschen, vor denen kannst du tränenüberströmt sitzen und die checken trotzdem nicht das es dir gerade nicht gut geht.

Aber es geht dabei nicht nur um das sehen der Gefühle, sondern auch um das Nachvollziehen der Gedanken(gänge), Absichten und Motive eines anderen. Seine Perspektive einnehmen zu können und zu sehen, was denjenigen antreibt. Auch die Körpersprache wird deshalb sehr gut lesen gelernt.

Die kognitive Empathie ist nicht angeboren, sondern erlernbar und ist, glaube ich, für den richtigen Umgang mit der emotionalen Empathie ungemein wichtig. Einfach weil man dann diese ganzen fremden Gefühle zuordnen und anders damit umgehen kann. Ich halte sie also für extrem wichtig, wenn man mit der Gabe des Mitfühlens richtig umgehen lernen möchte. Also so, dass sie man sie positiv einsetzen kann, statt sich davon beherrschen zu lassen. Wenn ich zuordnen kann, woher das alles kommt, übermannen mich die fremden Gefühle nicht mehr so stark.

Die kognitive Empathie wird z.B auch oft von Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung erlernt und benutzt. Meist zur Manipulation, dennoch halte ich sie da auch im Therapiesetting sehr wertvoll. Wenn sie richtig erlernt wird, dann gibt das Menschen, die zu keiner emotionalen Empathie fähig sind (z.B durch Trauma, eine PS, usw.), eine unglaublich wichtige Ressource im sozialen Alltagsleben.

Soziale Empathie

Diese Form der Empathie bezieht sich auf ganze Gruppen und nicht nur auf Einzelwesen. So hat man z.B ein recht sicheres Gespür dafür, wie sich eine Gruppe verhalten wird oder warum sie etwas tut. Das wiederum gibt auch die Möglichkeit diese Gruppen zu beeinflussen. Gerade im Job, in Führungspositionen bspw., ist das eine sehr wichtige Gabe.

Das sowas aber gleichzeitig auch wunderbar zur Manipulation, wie z.B zu Propagandazwecken eingesetzt werden kann, muss ich jetzt nicht extra erwähnen, oder 👉👈😶🙈?

Sie hilft uns aber auch uns z.B in fremde Kulturen, Religionen, Geschlechter oder auch Weltanschauungen hineinzufühlen und diese verstehen zu können. Ich möchte mal behaupten, das ist uns großflächig (von allerlei „Seiten“) aber vll ein bisschen dezent abhanden gekommen? 🙊 (ich bin schon still jetzt😅)

Wie kann ich Empathie erlernen?

Es gibt verschiedene Wege, einige stelle ich hier jetzt einmal vor:

  • Nr. 1 – Achtsamkeit: Das A und O, egal bei was. Beobachte deine eigenen Gefühle wenn sie kommen: Was fühlst du gerade? Wieso ist dieses Gefühl da, was war der Auslöser? Wie fühlt es sich an? Wie äußert es sich? Wenn sich jetzt jemand ähnlich verhält, du eine ähnlich Emotion wahrnehmen kannst, dann versuche daran zu denken wie du dich gefühlt hast und was dir guttat oder was du dir in dem Moment gewünscht hast und versuche das in diesen Moment mit hineinzubringen.
  • Nr. 2 – Aufmerksamkeit: Ohne den anderen zu beobachten klappt das aber natürlich nicht. Deshalb sei aufmerksam! Schaue dir andere Leute genau an. Wie verhalten sie sich? Wie reagieren sie in bestimmten Situationen? Und wie interagieren sie miteinander? Welche Körperhaltung nehmen sie z.B ein, wenn jemand etwas in einem bestimmten Ton sagt? usw.
  • Nr. 3 – Beobachten: Beobachte dich selbst in der Interaktion mit anderen. Wie reagiert dein Gegenüber auf etwas von dir? Wie reagierst du? Welche Körperhaltung nimmst du ein? Wo stehen deine Füße oder die deines Gegenüber (weg von dir? will er lieber gehen?) ? Unterbrichst du andere oder wirst du unterbrochen? Wie reagierst du dann? Wie reagiert dein Gegenüber?
  • Nr. 4 – Hinterfragen: Wenn wir jemand in eine Schublade packen wollen, dann passiert das meist aufgrund unserer eigenen Gedanken, die wir auf den anderen projizieren. Bevor du also jemand verurteilst, hinterfrage erst einmal seine Absichten. Warum hat er so reagiert? Warum das gesagt? Was könnte das für einen Hintergrund haben? Welche Anzeichen deuten auf den möglichen Hintergrund hin? Da ist wieder genaues zuhören wichtig. Versuch dabei objektiv zu bleiben und dich nicht von deinen eigenen Emotionen übermannen zu lassen.
  • Nr. 5 – Rollentausch: Stell dir vor, wie es wäre im Körper und Denken des anderen zu stecken. NICHT in seinem Körper, aber mit deinem Denken (das führt zu Verurteilung). Sowas kann z.B über Theaterspiele sehr gut funktionieren. Du bist jetzt nicht mehr Petra z.B, sondern du schlüpfst in die Rolle von Hans-Werner. Du ziehst nicht nur seine Kleidung an, sondern du musst die ganze Theateraufführung lang Hans-Werner SEIN und dich so verhalten. So etwas erlaubt dir aus deiner Perspektive/Sichtweise herauszukommen und den anderen besser verstehen zu lernen.

Gibt es ein Gegenteil von Empathie?

Türlich, es gibt doch für alles ein Wort 😂.

Ekpathie.
Ekpathie bezeichnet dabei aber nicht die Gefühlskälte oder Gleichgültigkeit gegenüber anderen, sondern kann eher als eine Art Schutzmechanismus bezeichnet werden. Dabei geht es darum sich nicht so leicht ausnutzen oder missbrauchen zu lassen.

Wie schon erwähnt, kann uns Empathie auch ganz schöne Probleme bereiten. Stell dir einen Kollegen oder meinetwegen auch Partner vor, der herausfindet das du plötzlich viel mehr Rücksicht auf ihn nimmst, selbst mehr zurücksteckst oder alles mögliche für ihn tust, sobald du merkst das es ihm schlecht geht. Dieses Verhalten ist eine wundervolle Sache und ich mache das auch ständig, aber es ebnet eben auch den Weg für Manipulation und Missbrauch. Der andere kann seine Emotionen so nach Belieben einsetzen und dich für seine Zwecke ausnutzen.

Bei der Ekpathie lassen wir uns weniger auf die Emotionen anderer ein. Wenn der andere also gerade einen Wutanfall bekommt, dann grenzen wir uns davon emotional ab, statt uns davon mitreißen zu lassen. Es geht nicht darum, nicht mehr mit dem andern mitzufühlen, sondern darum eine Grenze zwischen sich selbst und dem anderen zu ziehen.

Empathie und Trauma

So, ich hatte das bei der Hochsensibilität ja schon angeschnitten und wollte heute noch einmal näher drauf eingehen, warum es z.B für komplex traumatisierte Menschen wichtig war, Empathie, vor allem die kognitive, so gut auszubilden. Ich versuche das wieder mit Beispielen näher zu erklären:

Unberechenbarkeit

Als Kind brauchen wir vor allem Sicherheit. Wir haben keinerlei Ressourcen, aus denen wir schöpfen könnten, sollten die Zeiten einmal unsicher werden. Und wenn wir nun in einer Umgebung aufwachsen, die absolut unvorhersehbar ist, dann ist es für uns ungemein wichtig sie irgendwie vorhersehbar zu machen. Zumindest das Gefühl von Kontrolle zurückzuholen.

Meine Mutter war z.B nie wirklich gut einzuschätzen. Sie saß am Tisch und machte Scherze und im nächsten Moment flippte sie völlig aus oder wurde sehr gemein. Was der Grund war, wusste man nie wirklich. Mal wars ein falsches Wort (das vorher noch nie störte), ein „falscher“ Blick, mal war ich zu fröhlich, mal zu schlecht drauf. Mal war ich falsch weil ich keine Freunde hatte, dann wiederum sollte ich bloß keine mitbringen, usw. Wie ihr die Laus halt gerade über die Leber gelaufen ist. Dafür habe ich sie früher gehasst. Für diese Unvorhersehbarkeit. Meist hatte ich auch das Gefühl es ist mehr meine Existenz die sie stört und all die anderen Gründe waren nur ein Vorwand. Aber auch wenn [ich] keine Erinnerung daran habe, weiß ich, dass sie durchaus auch sehr nett sein konnte.

Interessanterweise habe ich jedoch gar keine Erinnerung an irgendwelche Strafen. Nicht eine einzige. Meine Eltern habe ich eher sehr desinteressiert in Erinnerung. Ich habe jedoch Szenen im Kopf, wo ich versucht habe mir selbst Strafen geben, wenn ich was angestellt habe, in der Hoffnung das ich dann keine von ihnen bekomme. Und heute noch habe ich furchtbare Angst vor einer möglichen Strafe wenn ich etwas falsch mache, was mir irgendwo sagt, dass es dann wohl doch welche gegeben haben muss.

Eine Szene ist mir da z.B in Erinnerung: Ich muss noch sehr klein gewesen sein. Höchstens 3-4 Jahre alt. Ich saß in meinem Zimmer, an so einer Kinderschminkkommode und ich weiß noch, dass es vorher einen Streit gab bzw. ich Ärger bekam. Ich zog eine der Schubladen an dieser Kommode auf und die war voller kleiner Papierschnipsel. Von einem Blatt Papier in meiner Hand riss ich weiter Stückchen ab und freute mich dabei unheimlich, weil ich dachte jetzt keine Angst haben zu müssen, dass ich verhungere, falls sie mir jetzt nichts zu essen geben sollten. Ich dachte ihnen mit dem Papier ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Keine Ahnung wies weiter ging oder was vorher war. Ich schätze aber nicht, dass ein Kind in diesem Alter auf so einen Gedanken kommt, ohne das es dazu bereits einen Hintergrund gab …

Sich anpassen

Wenn du jetzt also ständig Angst haben musst, dass der kleinste Fehler eine schlimme Strafe zur Folge hat, dann versucht du alles um das zu vermeiden. Das betrifft ja nicht nur die Kindheit. Dieses Phänomen lässt sich auch in Beziehungen zu stark narzisstischen Partnern beobachten oder z.B bei Geiselnahmen, usw.

Es ist wichtig zu lernen, wie dein Gegenüber gerade drauf ist. Welche Emotionen er hat, um dich darauf einstellen zu können. Es ist wichtig seine Körpersprache lesen zu lernen oder seine Absichten schnellst möglich zu erkennen, um für dich am sichersten darauf reagieren zu können. Wenn du ein kleines Detail übersiehst, kann das für dich schlimme Konsequenzen haben. Also beobachtet man und lernt. So kann man versuchen die Gefahr schon von vornherein zu neutralisieren oder wenigstens zu minimieren.

Bewusst ist uns das eher selten. Wir stellen uns darauf ganz unterbewusst ein und merken meist erst irgendwann später, dass wir wirklich gut im lesen anderer Leute sind. Das schützt uns nicht automatisch vor erneuten Missbrauch, kann aber tatsächlich die Gefahr, noch mehr Leid erdulden zu müssen, enorm reduzieren.

(Subtiler) sex. Missbrauch

Wir kennen natürlich alle mehr oder weniger die Definition von sexuellen Missbrauch. Meist verbinden wir allerdings eine direkte, sexuelle Handlung, in Form einer Penetration, damit.

Sexueller Missbrauch hat jedoch sehr viele Gesichter und dennoch können die Folgen haargenau die Gleichen sein.

Ab wann ist es sexueller Missbrauch?

Generell gilt als Ziel/Absicht des Erwachsenen, eine sexuelle Erregung oder mehr, bei sich und/oder dem Kind, zu erreichen. Zufälliges Berühren oder normale Kuscheleinheiten, ohne sexuelle Gedanken und Empfindungen/Absichten dahinter, fallen daher natürlich heraus. Also kein Elternteil, das mit seinem Kind ganz normal kuschelt oder es zufällig am Oberkörper streift, weil man vll nebeneinander steht o.ä, missbraucht sein Kind.

Aber genau deshalb ist es eben auch so schwer zu erkennen (für einen selbst, wie auch für Außenstehende) wann die Grenze überschritten wird, denn die wenigsten Erwachsenen benennen ihren Missbrauch auch klar als diesen. Weder vor sich noch natürlich dem Kind gegenüber. Meist wird ja alles als normal oder sogar als Liebeseinheiten deklariert.

Formen von sex. Missbrauch

  • Vaginale, anale oder orale Penetration (durch das mänl. Glied, Finger oder aber auch durch Gegenstände, etc.)
  • Sexualisiertes Streicheln, Kuscheln, Umarmen und anderweitiges kurzes, „zufälliges“ Berühren, z.B des Po´s, der Brust usw (durch den Stoff), auf den Po klapsen oder aus „Spaß“ wird kurz zwischen die Beine gefasst oder die Hose runter gezogen, etc.
  • Erotische Massagen beim Kind, an der Brust, den Gliedmaßen, Oberschenkeln, am Po oder den Genitalien oder das Kind soll diese Massagen beim Erwachsenen vornehmen ➡ Das Kind begreift all das selten als das, was es ist bzw. was der Erwachsene erreichen will, sondern erstmal viel mehr nur als Nähe, Kuscheln und Wohlgefallen
  • Sexualisierte Körperreinigung der Kinder ➡ z.B regelmäßiges, intensives und ausgiebiges Waschen der Intimregion von Kindern (die dies aber eigentlich auch schon selbst könnten). Oder auch ausgiebiges Absuchen von Zecken, überprüfen auf Ekzeme o.ä im Intimbereich des Kindes. Gemeinsames Baden, mit „zufälligen“ Berührungen, ausgiebigen einseifen und streicheln, Ejakulation des Erwachsenen usw.
  • Sexualisierte Küsse mit Zunge, auf die Lippen oder an anderen Körperstellen. Lecken an Zunge, Lippen, an Körperstellen usw. Auch das Saugen an der Brust/Brustwarzen.
  • Doktorspiele und andere sexualisierte Spiele, wobei sich der Erwachsene sex. erregt oder versucht das Kind zu erregen ➡ Sowas passiert durchaus meist angezogen. Mit dem Kind wird z.B viel Hoppereiter gespielt, wobei das (angezogene) Kind fest auf den Schoß des Vaters gedrückt und auf und ab bewegt wird (das ist ein an sich völlig normales Spiel und wird erst bedenklich, wenn der Erwachsene dies zur sex. Stimulation tut!), oder es wird gespielt man sei ein Tier und muss sich gegenseitig überall abschlecken, usw.
  • Exhibitionismus vor dem Kind, mit dem Ziel sich sex. zu erregen. Ständiges nackt sein, in Verbindung anzüglicher Sprache z.B, oder das zeigen des steifen Glieds, der Vagina, oder auch das Verlangen vom Kind, dass es sich selbst nackt zeigen soll ➡ auch Voyeurismus (heimliches beobachten oder filmen/fotografieren des nackten Kindes, beim duschen, umziehen, baden, auf dem Klo, beim schlafen, usw.)
  • Berührungen der Intimregion vor dem Kind. Erotisches Reiben von Penis, der Vagina, den inneren Oberschenkeln oder der Brust. Selbstbefriedigung (mit oder ohne Stöhnen und Höhepunkt) oder das Kind auffordern, sich vor den Eltern selbst im Intimbereich zu berühren oder zu befriedigen.
  • Zeigen oder gemeinsames schauen pornografischer Filme oder Bilder, mit dem Kind .
  • Anzügliche und/oder sexualisierte Sprache (offen oder aber auch diskret), Dialoge oder Blicke („mit den Augen ausgezogen werden„), …

Warum dieser Missbrauch genauso schlimm ist

Wenn der Erwachsene seine ganz eigene, andere Form der Sexualität dem Kind überstülpt. Es für seine sex. Bedürfnisse ausnutzt, missbraucht, dann spielt nicht die Art des Missbrauchs die entscheidende Rolle, sondern nur dass das Kind überhaupt mit dieser ungewollten (denn das Kind will etwas ganz anderes, als der Erwachsene!) und ausnutzenden Art der sex. Nähe konfrontiert wird, ohne das es flüchten kann. Ausnutzend ist sie auch dann, wenn der Erwachsene das Kind ebenfalls sexuell stimuliert! Es geht nicht um die Stimulanz (ob es das Kind angeblich auch „genießt“), sondern darum, ob er egoistisch handelt oder nicht.

Das Grundtrauma beim sex. Missbrauch sind nicht die Schmerzen, sondern der gewaltsame (was es wird, sobald der Erwachsene das Kind für seine Zwecke benutzt – egal in welcher Form) Ein- und Übergriff in seine so empfindlichen Grundfeste.

Die Folgen solcher ,,unscheinbaren“; angeblich „nicht so wilden“ Sachen können genauso schlimme, pschische Folgen haben, wie die direkte Penetration. Depressionen, Essstörungen, (chronische) Suizidalität, Persönlichkeitsstörungen, usw. Um nur mal einige Beispiele zu nennen.

Auch Kinder haben eine Sexualität, das ist richtig. Dennoch zielt diese nicht auf Genuss und Triebbefriedigung ab, so wie bei dem Erwachsenen, sondern auf Nähe, eigene Körperwahrnehmung und Sicherheit. Kinder entdecken und sollten das auf ihre Art und in ihrem Tempo tun dürfen. Nichts, absolut gar NICHTS, aus der Sexualität eines Erwachsenen, hat bei einem Kind etwas zu suchen!

Missbrauch durch eine Frau

,,Ne, also das kann es nicht geben. Sexuell missbrauchen, das tun nur die Männer.“ – Die Wahrheit sieht jedoch ganz anders aus. Auch Frauen und Mütter missbrauchen!

Offizielle Zahlen gibt es nicht wirklich dazu. Statistiken gehen von einem Anteil weiblicher Täter von bis zu 10% aus. Der Psychologe Alexander Homes, der sich gegen sexuellen Kindesmissbrauch einsetzt und weltweit darüber recherchiert hat, spricht eine Vermutung von sogar bis zu 50% aus, was genau die Hälfte aller Täter wäre. Selbst wenn die Zahlen allerdings nicht so hoch liegen, ist es dennoch klar, dass auch Frauen ebenso am Missbrauch beteiligt sind, wie Männer. Und indem wir diesen Fakt verschweigen und weiterhin so tun, als gäbe es das nicht, nehmen wir den Opfer die Chance darüber laut und ernstgenommen zu werden!

Auffällig dahingehend ist zumindest, dass viele Frauen und Mütter ihren Missbrauch anders tarnen und weniger gewalttätig vorgehen, als Männer (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel!). Oft deckeln sie den Missbrauch als liebevolle Nähe, gründliches waschen usw. Das intensive Berühren und Stimulieren der Intimregion des Kindes, ist jedoch ein klarer Übergriff! Egal wie man es vor sich selbst oder vor anderen schön reden möchte.

Kindesmissbrauch in Zahlen

Im Jahr 2020 sind die Missbrauchsfälle um 6,8% zum Vorjahr angestiegen.

16.686 Fälle wurden gemeldet. Gemeldet heißt, dass dies die Fälle sind, welche auch tatsächlich zur Anzeige gebracht wurden. Statistisch gesehen werden jedoch hauptsächlich Übergriffe aus dem nicht direkten Umfeld angezeigt. Sprich: Übergriffe welche in Vereinen, durch Babysitter, Nachbarn, entferntere Familienmitglieder wie Onkel, Großonkel usw. geschehen. Die Eltern können so als sichere Basis dienen und das Kind steht in keinem direkten Abhängigkeitsverhältnis zum Täter, was eine Anzeige viel wahrscheinlicher macht. Sind nahe Verwandte o.ä Bezugspersonen die Täter, wird der Missbrauch viel häufiger „vergessen“/verdrängt. Das Kind erhält ja keine Unterstützung dabei sich zu wehren oder möchte durch eine Anzeige nicht die Familie auseinanderreißen etc. Für entsprechende Schuld- und Schamgefühle wird immerhin auch nicht selten gesorgt.

Die WHO schätzt die Zahl, der in Deutschland missbrauchten Kinder, währenddessen auf mindestens 1 Million ein.

Laut einer Hamburger Studie, aus dem Jahre 1993, gaben 23% der befragten Frauen und 4% der Männer an, sexuell missbraucht worden zu sein. Weiter gaben 28% der Frauen und 14% der Männer an, körperliche Misshandlungen erlitten zu haben

Laut einer MiKADO-Studie (Missbrauch von Kindern, Aetiologie, Dunkelfeld, Opfer) wurden mindestens 8,5% der Deutschen sexuell missbraucht. Weiter berichten 11,6% der Frauen und 5,1% der Männer von mindestens einer sexuellen Missbrauchserfahrung in der Kindheit. Laut Schätzungen dieser Studie, werden aber gerade mal ca. 1% der Fälle überhaupt den Jugendämtern oder Behörden gemeldet. Die tatsächliche Dunkelziffer scheint also enorm hoch zu sein!

↪ Von der niedrigsten Schätzung ausgehend (der MiKADO-Studie) wurde fast jeder 10. Deutsche sexuell missbraucht. In jeder Schulklasse säßen demnach ungefähr 2-3 Kinder, die missbraucht wurden oder noch werden. Ausgehend von Statistiken größerer Studien, aus den 90ern (KFN, Bange, Raupp/Eggers, Burger/Reiter, Richter-Appelt, Bange/Deegener), würden in jeder Schulklasse sogar durchschnittlich 3-6 Mädchen mit Missbrauchserfahrung sitzen.

Warum ist die Dunkelziffer so hoch?

  • Mehr als die Hälfte der Missbrauchsopfer leiden bzgl. der Tat an einer (dissoziativen) Amnesie. Bei manchen tauchen die Erinnerungen irgendwann wieder auf, viele erinnern sich (kognitiv – psychische und körperliche Symptome treten trotzdem auf) jedoch höchstwahrscheinlich bis zu ihrem Tod nicht an den erlebten Missbrauch. Und bei wem die Erinnerung wiederkommt, tut sie dies nicht selten nur in Bruchteilen. Nichts was für eine Anzeige wirklich ausreicht.
  • Wer sich spät im Alter erinnert, bei dem ist der/die Täter wahrscheinlich schon tot. Oder es besteht schon lange kein Kontakt mehr und dieser soll, durch Auslassen einer Anzeigestellung, auch weiterhin vermieden werden.
  • Oder die Opfer fühlen sich schuldig und mitverantwortlich. Schämen sich oder glauben man würde ihnen eh nicht glauben. Oder haben schlicht einfach keine Energie für den Prozess. Manchen wurde auch vom Täter gedroht oder sie zeigen nicht an, weil es sich ja noch immer um die eigene Familie handelt.

Die „Normalität“ mal genauer unter die Lupe nehmen

Der Missbrauch kann auch so subtil gewesen sein, dass man ihn niemals als Missbrauch ansehen und demnach auch nicht anzeigen würde.

Im Leben wäre ich z.B nicht von selbst darauf gekommen, dass es nicht normal ist, dass meine Eltern stets nackt waren. Und auch ich ständig nackt sein sollte. Irgendwann setzte meine Scham ein und ich wollte einfach nicht mehr, daraufhin gab es regelmäßig den Spott meiner Eltern, ich wurde mit Ignorieren beatraft usw. Oder das es nicht normal war, dass meine Mutter eigentlich im Dauerlauf, nackt auf dem Sofa, an sich rumspielte, vor mir oder sämtliche Wände mit Nacktfotos von ihr gepflastert waren. Das es nicht normal ist, wenn Eltern vor ihrem Kind Sex haben oder diesem die intimsten Details, aus dem Sexleben mit dem anderen Elternteil, erzählen oder Sachen über deins wissen wollen. Und das es damals doch seine Berechtigung hatte, das ich lüsternen Blicke und diese anzüglichen Sätze meines Vaters komisch fand, wollte ich erst gar nicht glauben. Immerzu dachte ich, ich hätte mir was eingebildet. Mich reingesteigert. Ihm mit diesem inneren Gefühl der Abneigung unrecht getan. 100% klare Bilder bestehen schließlich nicht.

Und der Rest war ja immer normal. Alltag. Also was sollte daran falsch sein? ,,Und weil das so normal war, hätte auch NIEMALS jemand mehr gemacht. Völlig ausgeschlossen! War doch immer alles normal!“ Heute versuche ich manche Erinnerungen wie etwas zu betrachten, dass mir eine Freundin über sich erzählt. Aus der Sicht eines „Außenstehenden“ erscheinen einige Dinge dann plötzlich auch in einem ganz anderen Licht…

Auch Sachen wie gemeinsames Pornogucken oder -zeigen, zwischen die Beine fassen, Bespannen etc. ist beim restlichen Teil meiner Familie stets völlig Gang und Gebe gewesen. Auf Ansprache hieß es immer: „Da ist doch nichts dabei“ oder „Das war doch nur ein Spaß 🙄. Sei nicht immer so ernst!“ oder „Wir haben doch nur mal kurz geguckt„…. Wenn ich das heute als nicht okay betiteln möchte, kommt in mir dementsprechend auch immer sofort etwas auf wie: ,,Mein Gott, du machst auch aus jeder Mücke einen Elefanten! Das war alles völlig normal. Hör mal auf dich so anzustellen!„.

Das Schwierigste…

All das also ernst nehmen. Wenn manches zum normalen Alltag zuhause gehört, dann wird das für dich auch normal. Nichts dem du Beachtung schenkst.

Und ohne den Input von Außen, der dich einmal abgleichen lässt, denkst du ewig, da war doch nix wildes. Du merkst wie du so überhaupt nicht funktionierst, aber kannst es nicht zuordnen oder verstehst überhaupt warum. ,,Es war doch schließlich immer alles ganz normal.

Steter Tropfen höhlt auch den Stein

Vll war es das aber gar nicht? Vll dachtest du nur es wäre normal, weil es eben Alltag war? Und nun stell dir vor, an diesen doch nicht ganz so normalen Alltag, war vll doch ein winziger Teil toxisch. Diese Toxizität hätte dann jeden Tag, dauerhaft stattgefunden. So regelmäßig, dass du sie einfach nur als normal angesehen hast.

Ich erzählte mal einer recht neutralen Person eine Anekdote darüber, was für Spinnereien meine Eltern oftmals rausgehauen haben: Das eine Mal wollte uns angeblich der und der umbringen, das nächste Mal gabs wilde Vergewaltigungstorys über die Familie. Mal gabs Auftragskiller, als Polizisten getarnte Geldeintreiber (beauftragt von dem und dem), innerfamiliäre Verschwörungen usw.

Der „Fantasie“ waren quasi keine Grenzen gesetzt – Ich erzählte ihm das, weil ich die Geschichten irgendwie witzig fand, also heute. Schließlich benahmen sich meine Eltern nie den Geschichten entsprechend paranoid. Sie sperrten keine Türen ab oder versteckten sich irgendwo. Nein, diese Geschichten waren nur für mich bestimmt. Sie teilten stets nur mir ihre tiefsten Geheimnisse mit, wie böse die Welt doch ist. ,,Alle wollen deinen Eltern und dir nur böses. Du kannst niemand vertrauen und glauben!“ – Das war immer die Kernbotschaft.

Für mich war das damals nicht offensichtlich schlimm. Ich kann mich an keine bewusste Angst erinnern (irgendwo war sie aber natürlich bestimmt da), obwohl ich diese Geschichten als Kind, natürlich für bare Münze nahm. Ich fühlte mich halt nur dauerhaft wie im Krimi. Das alles (meine Umgebung, Umwelt, usw.) empfand ich eh nie als wirklich real, weshalb ich (oder zumindest ein Teil von mir) all diese Geschichten wohl eher spannend und unterhaltsam wahrnahm, als sie als dauerhaft schädlich anzusehen. Ich mein, wir waren ja eh immer allein. Es kamen keine Freunde zu Besuch. Selten die Familie. Sonst niemand. Und wenn wir weggingen oder -fuhren, bis in die Teenagerzeit hinein, fast nur mit den Eltern. Die angeblich drohende Gefahr durch andere, war also ja nicht wirklich direkt greifbar nahe. Vll erinnere ich mich deshalb nicht an direkte Angst.

Wie gute-Nacht-Geschichten erinnere ich die Storys daher eher und die witzigsten erzählte ich da eben. Derjenige fragte mehrfach nach und erst nach einer ganzen Weile begriff er, dass ich mir diese Geschichten nicht ausdachte und das sie ein Dauerzustand in meiner Kindheit waren. Was sein Problem damit war, wusste ich allerdings immer noch nicht. Warum wird man da so ernst? Das es in anderen, „normalen“ Familien nicht einmal annähernd solche Geschichten gab, wusste ich nicht.

,,Echt? Dir wurde nicht gesagt, dass der Opa zu dem du hin abgeschoben wirst, erst eben die Cousine vergewaltigt hat (nach dem Motto: Wir wollen dich jetzt nicht, geh mal zu denen, aber sei SEHR vorsichtig) ? Oder das die Oma Auftragskiller losschickt, die deinen Papa töten, wenn du ihr private Sachen erzählst? Ist ja krass.“ Und ich wusste auch nicht, was daran schlimm sein sollte. Witzig. Witzig war das doch! Nun lach doch auch endlich! Schließlich lachte mein Vater früher auch immer. Er lachte dabei, weil sie ja immer schlauer, als die bösen Leute, waren. Die konnten ihnen nix anhaben, aber vorsichtig musste man sein! ICH musste vorsichtig sein.

Wir unterhielten uns ein ganzes Stück und er konnte mir begreiflich machen, wie diese Storys auf ihn wirken, als Erwachsener. Das habe ich verstanden.

Das sie für ein Kind demnach noch viel schlimmer gewirkt haben müssten, also für mich. Das sickert bis heute nicht wirklich in mein Hirn ein. Vll war dieses „im Krimifilm leben“, mit stets neuer, unvorhersehbarer Geschichte, am Ende aber dafür verantwortlich, dass ich mein Leben und meine Existenz noch heute dauerhaft unreal finde. Who knows 🤷‍♀️

Ich wollt damit nur sagen, dass es sich manchmal lohnt, die „Normalität“ genauer unter die Lupe zu nehmen. Manches war am Ende davon nämlich gar nichts so „normal“ … 😉

Freud´s Verführungstheorie

Die meisten dürften Freud’s Psychoanalyse kennen oder zumindest einmal davon gehört haben, zumal die Psychiatrie des letzten Jahrhunderts stark auf seinen Erkenntnissen aufbaut.

Doch wusstet ihr das diese erst viel später entstand?

Zuerst ging Freud in seiner „Verführungstheorie“ davon aus, dass jene damaligen hysterischen bzw. neurotischen Störungen aus einem Inzest-Trauma resultierten, welches durch den eigenen Vater als „Verführer“ ausgelöst wurden.

Diese, damals als Hysterie diagnostizierten Symptome, ähnelten 1:1 den heutigen Symptomen der Dissoziativen Störungen wie u.a auch der Dissoziativen Identitätsstörung (früher: Multiple Persönlichkeitsstörung <– IMMER hervorgerufen durch wiederholte, SCHWERSTE Traumata in frühster Kindheit) oder dissoziativen Krampfanfällen, dissoziativen Amnesien, ect.

Als Freud jedoch feststelle wie VIELE Menschen, überwiegend Frauen, unter Hysterie litten meinte er falsch zu liegen, da er davon ausging das der Missbrauch junger Kinder, in solch einem Ausmaß, unwahrscheinlich sei.

Gucke ich mir heute Meldungen wie z.B über Lügde, Bergisch Gladbach, das Forum Elyssium usw. an, wo teilweise über 5 Perabyte (1PB =1000 Terabyte!!!) kinderpornografisches Material gefunden wurden (wozu es ja nicht nur Produzenten, sondern auch Konsumenten geben muss!), dann glaube ich, Lieber Herr Freud, lagen sie mit ihrer Vermutung gar nicht so falsch.

Ausschlaggebend dafür, seine Theorie zu verwerfen, waren am Ende übrigens (offiziell) seine eigenen Geschwister, die ebenfalls unter Hysterie litten und anfingen Geschichten, vom Missbrauch durch den eigenen Vater, zu berichten.

Freud hielt dies für unmöglich und verwarf daher seine „Verführungstheorie“ um 1900 und entwarf daraufhin die uns bekannte Psychoanalyse. Diese beruhte u.a darauf das jene hysterischen Symptome und Inzestuöse Schilderungen aus innerpsychischen Konflikten entstanden, ausgelöst durch unterdrückte Triebe, Wünsche und Einbildungen des Unterbewusstseins.

Und so wertvoll ich die Psychoanalyse und Arbeit Freud´s auch finde, hat sie uns eingebracht das solch schreckliche Traumafolgestörungen bis ins Jahr 2000 fast völlig ignoriert und teilweise sogar belächelt wurden. Noch heute gibt es Psychiater und Psychologen die z.B die Dis abstreiten, obwohl sie längst im offiziellen Diagnosehandbuch aufgenommen wurde. Und das was heute endlich Beachtung findet, darüber wurde schon vor weit über 100 Jahren gesprochen, nicht nur von Freud…Und es wurde ignoriert und verworfen…Ja, traurig wenn man sich das überlegt…

Der, durch seine Inzest-Theorie, vorher von der Fachwelt ausgeschlossene und belächelte Freud, fand nun übrigens schnell wieder Anschluss an die Welt renommierter Wissenschaftler, welche sich 1908 sogar seinen Theorien, der unterdrückten Einbildungen und Triebe anschlossen….
Kann man ja mal drüber nachdenken 😉