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(Subtiler) sex. Missbrauch

Wir kennen natürlich alle mehr oder weniger die Definition von sexuellen Missbrauch. Meist verbinden wir allerdings eine direkte, sexuelle Handlung, in Form einer Penetration, damit.

Sexueller Missbrauch hat jedoch sehr viele Gesichter und dennoch können die Folgen haargenau die Gleichen sein.

Ab wann ist es sexueller Missbrauch?

Generell gilt als Ziel/Absicht des Erwachsenen, eine sexuelle Erregung oder mehr, bei sich und/oder dem Kind, zu erreichen. Zufälliges Berühren oder normale Kuscheleinheiten, ohne sexuelle Gedanken und Empfindungen/Absichten dahinter, fallen daher natürlich heraus. Also kein Elternteil, das mit seinem Kind ganz normal kuschelt oder es zufällig am Oberkörper streift, weil man vll nebeneinander steht o.ä, missbraucht sein Kind.

Aber genau deshalb ist es eben auch so schwer zu erkennen (für einen selbst, wie auch für Außenstehende) wann die Grenze überschritten wird, denn die wenigsten Erwachsenen benennen ihren Missbrauch auch klar als diesen. Weder vor sich noch natürlich dem Kind gegenüber. Meist wird ja alles als normal oder sogar als Liebeseinheiten deklariert.

Formen von sex. Missbrauch

  • Vaginale, anale oder orale Penetration (durch das mänl. Glied, Finger oder aber auch durch Gegenstände, etc.)
  • Sexualisiertes Streicheln, Kuscheln, Umarmen und anderweitiges kurzes, “zufälliges” Berühren, z.B des Po´s, der Brust usw (durch den Stoff), auf den Po klapsen oder aus “Spaß” wird kurz zwischen die Beine gefasst oder die Hose runter gezogen, etc.
  • Erotische Massagen beim Kind, an der Brust, den Gliedmaßen, Oberschenkeln, am Po oder den Genitalien oder das Kind soll diese Massagen beim Erwachsenen vornehmen ➡ Das Kind begreift all das selten als das, was es ist bzw. was der Erwachsene erreichen will, sondern erstmal viel mehr nur als Nähe, Kuscheln und Wohlgefallen
  • Sexualisierte Körperreinigung der Kinder ➡ z.B regelmäßiges, intensives und ausgiebiges Waschen der Intimregion von Kindern (die dies aber eigentlich auch schon selbst könnten). Oder auch ausgiebiges Absuchen von Zecken, überprüfen auf Ekzeme o.ä im Intimbereich des Kindes. Gemeinsames Baden, mit “zufälligen” Berührungen, ausgiebigen einseifen und streicheln, Ejakulation des Erwachsenen usw.
  • Sexualisierte Küsse mit Zunge, auf die Lippen oder an anderen Körperstellen. Lecken an Zunge, Lippen, an Körperstellen usw. Auch das Saugen an der Brust/Brustwarzen.
  • Doktorspiele und andere sexualisierte Spiele, wobei sich der Erwachsene sex. erregt oder versucht das Kind zu erregen ➡ Sowas passiert durchaus meist angezogen. Mit dem Kind wird z.B viel Hoppereiter gespielt, wobei das (angezogene) Kind fest auf den Schoß des Vaters gedrückt und auf und ab bewegt wird (das ist ein an sich völlig normales Spiel und wird erst bedenklich, wenn der Erwachsene dies zur sex. Stimulation tut!), oder es wird gespielt man sei ein Tier und muss sich gegenseitig überall abschlecken, usw.
  • Exhibitionismus vor dem Kind, mit dem Ziel sich sex. zu erregen. Ständiges nackt sein, in Verbindung anzüglicher Sprache z.B, oder das zeigen des steifen Glieds, der Vagina, oder auch das Verlangen vom Kind, dass es sich selbst nackt zeigen soll ➡ auch Voyeurismus (heimliches beobachten oder filmen/fotografieren des nackten Kindes, beim duschen, umziehen, baden, auf dem Klo, beim schlafen, usw.)
  • Berührungen der Intimregion vor dem Kind. Erotisches Reiben von Penis, der Vagina, den inneren Oberschenkeln oder der Brust. Selbstbefriedigung (mit oder ohne Stöhnen und Höhepunkt) oder das Kind auffordern, sich vor den Eltern selbst im Intimbereich zu berühren oder zu befriedigen.
  • Zeigen oder gemeinsames schauen pornografischer Filme oder Bilder, mit dem Kind .
  • Anzügliche und/oder sexualisierte Sprache (offen oder aber auch diskret), Dialoge oder Blicke (“mit den Augen ausgezogen werden“), …

Warum dieser Missbrauch genauso schlimm ist

Wenn der Erwachsene seine ganz eigene, andere Form der Sexualität dem Kind überstülpt. Es für seine sex. Bedürfnisse ausnutzt, missbraucht, dann spielt nicht die Art des Missbrauchs die entscheidende Rolle, sondern nur dass das Kind überhaupt mit dieser ungewollten (denn das Kind will etwas ganz anderes, als der Erwachsene!) und ausnutzenden Art der sex. Nähe konfrontiert wird, ohne das es flüchten kann. Ausnutzend ist sie auch dann, wenn der Erwachsene das Kind ebenfalls sexuell stimuliert! Es geht nicht um die Stimulanz (ob es das Kind angeblich auch “genießt”), sondern darum, ob er egoistisch handelt oder nicht.

Das Grundtrauma beim sex. Missbrauch sind nicht die Schmerzen, sondern der gewaltsame (was es wird, sobald der Erwachsene das Kind für seine Zwecke benutzt – egal in welcher Form) Ein- und Übergriff in seine so empfindlichen Grundfeste.

Die Folgen solcher ,,unscheinbaren”; angeblich “nicht so wilden” Sachen können genauso schlimme, pschische Folgen haben, wie die direkte Penetration. Depressionen, Essstörungen, (chronische) Suizidalität, Persönlichkeitsstörungen, usw. Um nur mal einige Beispiele zu nennen.

Auch Kinder haben eine Sexualität, das ist richtig. Dennoch zielt diese nicht auf Genuss und Triebbefriedigung ab, so wie bei dem Erwachsenen, sondern auf Nähe, eigene Körperwahrnehmung und Sicherheit. Kinder entdecken und sollten das auf ihre Art und in ihrem Tempo tun dürfen. Nichts, absolut gar NICHTS, aus der Sexualität eines Erwachsenen, hat bei einem Kind etwas zu suchen!

Missbrauch durch eine Frau

,,Ne, also das kann es nicht geben. Sexuell missbrauchen, das tun nur die Männer.” – Die Wahrheit sieht jedoch ganz anders aus. Auch Frauen und Mütter missbrauchen!

Offizielle Zahlen gibt es nicht wirklich dazu. Statistiken gehen von einem Anteil weiblicher Täter von bis zu 10% aus. Der Psychologe Alexander Homes, der sich gegen sexuellen Kindesmissbrauch einsetzt und weltweit darüber recherchiert hat, spricht eine Vermutung von sogar bis zu 50% aus, was genau die Hälfte aller Täter wäre. Selbst wenn die Zahlen allerdings nicht so hoch liegen, ist es dennoch klar, dass auch Frauen ebenso am Missbrauch beteiligt sind, wie Männer. Und indem wir diesen Fakt verschweigen und weiterhin so tun, als gäbe es das nicht, nehmen wir den Opfer die Chance darüber laut und ernstgenommen zu werden!

Auffällig dahingehend ist zumindest, dass viele Frauen und Mütter ihren Missbrauch anders tarnen und weniger gewalttätig vorgehen, als Männer (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel!). Oft deckeln sie den Missbrauch als liebevolle Nähe, gründliches waschen usw. Das intensive Berühren und Stimulieren der Intimregion des Kindes, ist jedoch ein klarer Übergriff! Egal wie man es vor sich selbst oder vor anderen schön reden möchte.

Kindesmissbrauch in Zahlen

Im Jahr 2020 sind die Missbrauchsfälle um 6,8% zum Vorjahr angestiegen.

16.686 Fälle wurden gemeldet. Gemeldet heißt, dass dies die Fälle sind, welche auch tatsächlich zur Anzeige gebracht wurden. Statistisch gesehen werden jedoch hauptsächlich Übergriffe aus dem nicht direkten Umfeld angezeigt. Sprich: Übergriffe welche in Vereinen, durch Babysitter, Nachbarn, entferntere Familienmitglieder wie Onkel, Großonkel usw. geschehen. Die Eltern können so als sichere Basis dienen und das Kind steht in keinem direkten Abhängigkeitsverhältnis zum Täter, was eine Anzeige viel wahrscheinlicher macht. Sind nahe Verwandte o.ä Bezugspersonen die Täter, wird der Missbrauch viel häufiger “vergessen”/verdrängt. Das Kind erhält ja keine Unterstützung dabei sich zu wehren oder möchte durch eine Anzeige nicht die Familie auseinanderreißen etc. Für entsprechende Schuld- und Schamgefühle wird immerhin auch nicht selten gesorgt.

Die WHO schätzt die Zahl, der in Deutschland missbrauchten Kinder, währenddessen auf mindestens 1 Million ein.

Laut einer Hamburger Studie, aus dem Jahre 1993, gaben 23% der befragten Frauen und 4% der Männer an, sexuell missbraucht worden zu sein. Weiter gaben 28% der Frauen und 14% der Männer an, körperliche Misshandlungen erlitten zu haben

Laut einer MiKADO-Studie (Missbrauch von Kindern, Aetiologie, Dunkelfeld, Opfer) wurden mindestens 8,5% der Deutschen sexuell missbraucht. Weiter berichten 11,6% der Frauen und 5,1% der Männer von mindestens einer sexuellen Missbrauchserfahrung in der Kindheit. Laut Schätzungen dieser Studie, werden aber gerade mal ca. 1% der Fälle überhaupt den Jugendämtern oder Behörden gemeldet. Die tatsächliche Dunkelziffer scheint also enorm hoch zu sein!

↪ Von der niedrigsten Schätzung ausgehend (der MiKADO-Studie) wurde fast jeder 10. Deutsche sexuell missbraucht. In jeder Schulklasse säßen demnach ungefähr 2-3 Kinder, die missbraucht wurden oder noch werden. Ausgehend von Statistiken größerer Studien, aus den 90ern (KFN, Bange, Raupp/Eggers, Burger/Reiter, Richter-Appelt, Bange/Deegener), würden in jeder Schulklasse sogar durchschnittlich 3-6 Mädchen mit Missbrauchserfahrung sitzen.

Warum ist die Dunkelziffer so hoch?

  • Mehr als die Hälfte der Missbrauchsopfer leiden bzgl. der Tat an einer (dissoziativen) Amnesie. Bei manchen tauchen die Erinnerungen irgendwann wieder auf, viele erinnern sich (kognitiv – psychische und körperliche Symptome treten trotzdem auf) jedoch höchstwahrscheinlich bis zu ihrem Tod nicht an den erlebten Missbrauch. Und bei wem die Erinnerung wiederkommt, tut sie dies nicht selten nur in Bruchteilen. Nichts was für eine Anzeige wirklich ausreicht.
  • Wer sich spät im Alter erinnert, bei dem ist der/die Täter wahrscheinlich schon tot. Oder es besteht schon lange kein Kontakt mehr und dieser soll, durch Auslassen einer Anzeigestellung, auch weiterhin vermieden werden.
  • Oder die Opfer fühlen sich schuldig und mitverantwortlich. Schämen sich oder glauben man würde ihnen eh nicht glauben. Oder haben schlicht einfach keine Energie für den Prozess. Manchen wurde auch vom Täter gedroht oder sie zeigen nicht an, weil es sich ja noch immer um die eigene Familie handelt.

Die “Normalität” mal genauer unter die Lupe nehmen

Der Missbrauch kann auch so subtil gewesen sein, dass man ihn niemals als Missbrauch ansehen und demnach auch nicht anzeigen würde.

Im Leben wäre ich z.B nicht von selbst darauf gekommen, dass es nicht normal ist, dass meine Eltern stets nackt waren. Und auch ich ständig nackt sein sollte. Irgendwann setzte meine Scham ein und ich wollte einfach nicht mehr, daraufhin gab es regelmäßig den Spott meiner Eltern, ich wurde mit Ignorieren beatraft usw. Oder das es nicht normal war, dass meine Mutter eigentlich im Dauerlauf, nackt auf dem Sofa, an sich rumspielte, vor mir oder sämtliche Wände mit Nacktfotos von ihr gepflastert waren. Das es nicht normal ist, wenn Eltern vor ihrem Kind Sex haben oder diesem die intimsten Details, aus dem Sexleben mit dem anderen Elternteil, erzählen oder Sachen über deins wissen wollen. Und das es damals doch seine Berechtigung hatte, das ich lüsternen Blicke und diese anzüglichen Sätze meines Vaters komisch fand, wollte ich erst gar nicht glauben. Immerzu dachte ich, ich hätte mir was eingebildet. Mich reingesteigert. Ihm mit diesem inneren Gefühl der Abneigung unrecht getan. 100% klare Bilder bestehen schließlich nicht.

Und der Rest war ja immer normal. Alltag. Also was sollte daran falsch sein? ,,Und weil das so normal war, hätte auch NIEMALS jemand mehr gemacht. Völlig ausgeschlossen! War doch immer alles normal!” Heute versuche ich manche Erinnerungen wie etwas zu betrachten, dass mir eine Freundin über sich erzählt. Aus der Sicht eines “Außenstehenden” erscheinen einige Dinge dann plötzlich auch in einem ganz anderen Licht…

Auch Sachen wie gemeinsames Pornogucken oder -zeigen, zwischen die Beine fassen, Bespannen etc. ist beim restlichen Teil meiner Familie stets völlig Gang und Gebe gewesen. Auf Ansprache hieß es immer: “Da ist doch nichts dabei” oder “Das war doch nur ein Spaß 🙄. Sei nicht immer so ernst!” oder “Wir haben doch nur mal kurz geguckt“…. Wenn ich das heute als nicht okay betiteln möchte, kommt in mir dementsprechend auch immer sofort etwas auf wie: ,,Mein Gott, du machst auch aus jeder Mücke einen Elefanten! Das war alles völlig normal. Hör mal auf dich so anzustellen!“.

Das Schwierigste…

All das also ernst nehmen. Wenn manches zum normalen Alltag zuhause gehört, dann wird das für dich auch normal. Nichts dem du Beachtung schenkst.

Und ohne den Input von Außen, der dich einmal abgleichen lässt, denkst du ewig, da war doch nix wildes. Du merkst wie du so überhaupt nicht funktionierst, aber kannst es nicht zuordnen oder verstehst überhaupt warum. ,,Es war doch schließlich immer alles ganz normal.

Steter Tropfen höhlt auch den Stein

Vll war es das aber gar nicht? Vll dachtest du nur es wäre normal, weil es eben Alltag war? Und nun stell dir vor, an diesen doch nicht ganz so normalen Alltag, war vll doch ein winziger Teil toxisch. Diese Toxizität hätte dann jeden Tag, dauerhaft stattgefunden. So regelmäßig, dass du sie einfach nur als normal angesehen hast.

Ich erzählte mal einer recht neutralen Person eine Anekdote darüber, was für Spinnereien meine Eltern oftmals rausgehauen haben: Das eine Mal wollte uns angeblich der und der umbringen, das nächste Mal gabs wilde Vergewaltigungstorys über die Familie. Mal gabs Auftragskiller, als Polizisten getarnte Geldeintreiber (beauftragt von dem und dem), innerfamiliäre Verschwörungen usw.

Der “Fantasie” waren quasi keine Grenzen gesetzt – Ich erzählte ihm das, weil ich die Geschichten irgendwie witzig fand, also heute. Schließlich benahmen sich meine Eltern nie den Geschichten entsprechend paranoid. Sie sperrten keine Türen ab oder versteckten sich irgendwo. Nein, diese Geschichten waren nur für mich bestimmt. Sie teilten stets nur mir ihre tiefsten Geheimnisse mit, wie böse die Welt doch ist. ,,Alle wollen deinen Eltern und dir nur böses. Du kannst niemand vertrauen und glauben!” – Das war immer die Kernbotschaft.

Für mich war das damals nicht offensichtlich schlimm. Ich kann mich an keine bewusste Angst erinnern (irgendwo war sie aber natürlich bestimmt da), obwohl ich diese Geschichten als Kind, natürlich für bare Münze nahm. Ich fühlte mich halt nur dauerhaft wie im Krimi. Das alles (meine Umgebung, Umwelt, usw.) empfand ich eh nie als wirklich real, weshalb ich (oder zumindest ein Teil von mir) all diese Geschichten wohl eher spannend und unterhaltsam wahrnahm, als sie als dauerhaft schädlich anzusehen. Ich mein, wir waren ja eh immer allein. Es kamen keine Freunde zu Besuch. Selten die Familie. Sonst niemand. Und wenn wir weggingen oder -fuhren, bis in die Teenagerzeit hinein, fast nur mit den Eltern. Die angeblich drohende Gefahr durch andere, war also ja nicht wirklich direkt greifbar nahe. Vll erinnere ich mich deshalb nicht an direkte Angst.

Wie gute-Nacht-Geschichten erinnere ich die Storys daher eher und die witzigsten erzählte ich da eben. Derjenige fragte mehrfach nach und erst nach einer ganzen Weile begriff er, dass ich mir diese Geschichten nicht ausdachte und das sie ein Dauerzustand in meiner Kindheit waren. Was sein Problem damit war, wusste ich allerdings immer noch nicht. Warum wird man da so ernst? Das es in anderen, “normalen” Familien nicht einmal annähernd solche Geschichten gab, wusste ich nicht.

,,Echt? Dir wurde nicht gesagt, dass der Opa zu dem du hin abgeschoben wirst, erst eben die Cousine vergewaltigt hat (nach dem Motto: Wir wollen dich jetzt nicht, geh mal zu denen, aber sei SEHR vorsichtig) ? Oder das die Oma Auftragskiller losschickt, die deinen Papa töten, wenn du ihr private Sachen erzählst? Ist ja krass.” Und ich wusste auch nicht, was daran schlimm sein sollte. Witzig. Witzig war das doch! Nun lach doch auch endlich! Schließlich lachte mein Vater früher auch immer. Er lachte dabei, weil sie ja immer schlauer, als die bösen Leute, waren. Die konnten ihnen nix anhaben, aber vorsichtig musste man sein! ICH musste vorsichtig sein.

Wir unterhielten uns ein ganzes Stück und er konnte mir begreiflich machen, wie diese Storys auf ihn wirken, als Erwachsener. Das habe ich verstanden.

Das sie für ein Kind demnach noch viel schlimmer gewirkt haben müssten, also für mich. Das sickert bis heute nicht wirklich in mein Hirn ein. Vll war dieses “im Krimifilm leben”, mit stets neuer, unvorhersehbarer Geschichte, am Ende aber dafür verantwortlich, dass ich mein Leben und meine Existenz noch heute dauerhaft unreal finde. Who knows 🤷‍♀️

Ich wollt damit nur sagen, dass es sich manchmal lohnt, die “Normalität” genauer unter die Lupe zu nehmen. Manches war am Ende davon nämlich gar nichts so “normal” … 😉

Anzeichen für (verdrängten) sexuellen Missbrauch

So liebe Leute, ihr bekommt jetzt hier eine Liste präsentiert und wenn was zutrifft, wurdet ihr früher missbraucht. Ja, ganz sicher.

Nein, natürlich nicht 😂. Sorry, ist eigentlich kein witziges Thema. Ich weiß. Ich fürchte, das ist Galgenhumor 😅.

Natürlich sagt so eine Liste gar nichts aus. Wirklich zählen nur eure Erinnerungen und Gefühle. Um aber besser einordnen zu können, wo man mit seinen Befürchtungen und Gefühlen hin soll, kann sowas schon hilfreich sein. Auch dem, der vll immer wieder an seinen Erinnerungen zweifelt, kann so etwas helfen.

Sollten nur einige dieser Symptome zutreffen, dann kann es auch möglich sein, dass diese eine andere Ursache haben, da psychischer und physischer Missbrauch z.B auch zu vielem führen können. Ab einer Anzahl von 25 zutreffenden Items könnte man von einem Inzest- bzw. frühen sexuellen Trauma ausgehen. Diese Liste ist aber, und das sage ich nochmal ganz klar, kein eindeutiger Hinweis und man sollte weiterhin sein eigenes Empfinden und auch, mit der Zeit, aufpoppende Erinnerungen beobachten.

Bei den einzelnen Punkten muss nicht alles zutreffen, sondern sie geben jeweils eine Übersicht der Möglichkeiten wieder, wie z.B bei Punkt 27: Sexuelle Probleme. Bei diesem Punkt (oder eben anderen) muss also nicht ausschließlich alles zutreffen.

Diese Liste basiert auf Beobachtungen und Interviews mit Überlebenden sexualisierter Gewalt, sowie der Arbeit der Organisation „New York Women Against Rape“ und stammt von der Autorin E.Sue Blume (,,Secret Survivors”). Sie ist also validiert und wurde nicht von mir, nur auf gutdünken, zusammengestellt.

Checkliste Folgeerscheinungen bei Überlebenden von sexualisierter Gewalt

frei aus dem englischen übersetzt

Punkte 1 – 10

  • 1. Angst vor dem Alleinsein in der Dunkelheit, davor alleine zu schlafen, Albträume (besonders von Vergewaltigung, Verfolgung, Bedrohung, eingesperrt sein, Blut) und generelle Nachtangst
  • 2. Schluckbeschwerden und Würgegefühle; Abscheu gegen Wasser im Gesicht beim Baden, Duschen oder Schwimmen (Erstickungsgefühle)
  • 3. Schlechtes oder verzerrtes Körperbild; Entfremdung vom Körper bzw. fühlt man sich im Körper nicht zu Hause; Unfähigkeit Signale des Körper richtig zu deuten und sich um körperliche Bedürfnisse richtig zu kümmern; zwanghafte Reinlichkeit, inkl. baden oder duschen mit brühend heißem Wasser oder absolute Gleichgültigkeit was das äußere Erscheinungsbild und Körperhygiene betrifft
  • 4. Somatoforme Probleme, wie z.B Magen-Darm-Beschwerden; gynäkologische Beschwerden (inkl. spontaner vaginaler Infektionen), plötzlichen vaginalen Jucken, vaginales Narbengewebe; Kopfschmerzen; Arthritis und Gelenkschmerzen, auch Fibromyalgie; starke Abneigung gegenüber Ärzten, besonders Gynäkologen und Zahnärzten
  • 5. Das Tragen von vielen Kleidungsstücken, selbst im Sommer oder weite Kleidung; Schwierigkeiten Kleidung abzulegen, selbst wenn es angebracht wäre (z.B beim Schwimmen, Baden, Schlafen); extremes  Bedürfnis nach Privatsphäre beim Benutzen des Badezimmers
  • 6. Essstörungen; Drogen- oder Alkoholmissbrauch oder totale Abstinenz ist möglich; andere Süchte; zwanghaftes Verhalten (inkl. zwanghaftem Betätigungsdrang)
  • 7. Selbstverletzungen, wie ritzen, sich verbrennen, Haare ausreißen etc. -> der physische Schmerz ist dadurch kontrollierbar, Abhängigkeit erzeugendes Muster; Selbstzerstörung
  • 8. Phobien, Panikattacken und andere Ängste
  • 9. Der Wunsch unsichtbar zu sein, perfekt oder im Gegenteil total schlecht
  • 10. Selbstmordgedanken und -versuche oder Besessenheit vom Suizid (inkl. „passiver Selbstmord“ –> der Wunsch sich jetzt oder in Zukunft zu töten, es gibt aber keinen akuten Handlungsdruck oder eine Aktivität diesbezüglich)

Punkte 11 – 20

  • 11. Depression (zeitweise lähmend) und scheinbar grundloses Weinen
  • 12. Probleme mit Wut und Aggression: Unfähigkeit die Wut zu erkennen, sich einzugestehen oder auszudrücken; Angst vor echtem oder eingebildeten Zorn, ständige Wut, heftige Feindseligkeit gegenüber des gesamten Geschlecht oder der ethnischen Gruppe („Rasse“) des Täters
  • 13. PTBS Symptome; Dissoziation (Erlebnisse oder Gefühle abspalten), Depersonalisation (sich von eigenen Körper abgetrennt fühlen), Schockzustände; in Krisensituationen wie blockiert sein (stressige Situationen sind immer Krisen), seelische Erstarrung; körperliche Schmerzen oder Taubheit, welche in Verbindung mit einer spezifischen Erinnerung, Emotion (z.B. Wut) oder einer Situation (z.B. Sex) steht
  • 14. Starre Kontrolle der eigenen Denkprozesse; übermäßige Humorlosigkeit oder extremes Feierbedürfnis
  • 15. In der Kindheit wurde sich oft versteckt oder in sich in Ecken gekauert (schutzsuchendes Verhalten); Nervosität als Erwachsener, sich beobachtet fühlen, Schreckhaftigkeit, Hypervigilanz (erhöhte Wachsamkeit bzw. die Umgebung ständig ,,abscannen”)
  • 16. Probleme/Unfähigkeit zu vertrauen (zu vertrauen erscheint nicht sicher) oder blindes Vertrauen, dass auch in Zorn umschlägt, wenn es enttäuscht wird; wahlloses Vertrauen
  • 17. Hohe Risikobereitschaft oder Unfähigkeit Risiken einzugehen
  • 18. Probleme mit den Themen Grenzen, Kontrolle und Macht; Angst vor Kontrollverlust; obsessive/zwanghafte Verhaltensweisen (Versuche Unwichtiges zu kontrollieren, um überhaupt etwas unter Kontrolle zu haben); verwechseln von Macht und Sex
  • 19. Schuld, Scham, geringes Selbstbewusstsein, Gefühl von Wertlosigkeit; übertriebene Wertschätzung kleiner Gefallen anderer
  • 20. Muster von Opferverhalten (sich selbst bestrafen, nachdem man von anderen schikaniert wurde), besonders in sexueller Hinsicht; kein Gefühl für die eigene Macht und das Recht Grenzen zu setzen und „Nein“ zu sagen (sexuell werden z.B oft Beziehung eingegangen, die eigentlich gar nicht gewünscht sind oder es wird generell zu viel erduldet); Verhaltensmuster von Beziehungen mit sehr viel älteren Personen (Beginn schon in der Jugend) oder übertriebenes Anspruchsgefühl; auch im Erwachsenenalter immer wieder Opfer anderer werden (sexualisierte Gewalt, inkl. sexuelle Ausbeutung durch Vorgesetzte oder professionelle „Helfer“)

Punkte 21 – 25

  • 21. Das Bedürfnis etwas leisten zu müssen um geliebt zu werden; instinktiv wissen und tun, was andere wollen und brauchen; in Beziehungen werden große Kompromisse eingegangen
  • 22. Verlustangst; Wunsch nach sehr engen Beziehungen; Angst vor Intimität oder dessen Vermeidung
  • 23. Dissoziation = Verdrängung bestimmter Lebensabschnitte (besonders zwischen dem 1. und 12. Lebensjahr, kann aber bis ins Erwachsenenalter reichen), bestimmter Personen, Orte oder Ereignisse; Fantasiewelten werden erschaffen, genauso wie alternative Identitäten (Dissoziative Identitätsstörung)
  • 24. Das Gefühl ein schreckliches Geheimnis mit sich herumzutragen; der Drang es zu erzählen, gleichzeitig aber die Angst, dass es offengelegt werden könnte oder das niemand zuhören würde (es kann sein, dass dieses Geheimnis nur als Gefühl existiert und nicht in Worte gepackt werden kann – Es besteht dann nur der Drang etwas zu erzählen, ohne zu wissen was); allgemein verschlossen sein; das Gefühl gezeichnet zu sein (der „scharlachrote Buchstabe“)
  • 25. Sich verrückt fühlen, anders oder “als Alien” fühlen, sich als unwirklich und andere als unreal wahrnehmen oder umgekehrt

Punkte 26 – 28

  • 26. Leugnen („Vielleicht bilde ich mir das nur ein“, ,,Das ist gar nicht passiert”) , verdrängen von Erinnerungen; bagatellisieren („es war ja nicht so schlimm“, ,,Es war ja nur das eine Mal”); Träume oder Erinnerungen –> Flashbacks (so beginnt der Erinnerungsprozess in der Regel); starke und unangemessen negative Reaktionen auf Menschen, Orte oder Situationen, „Körperflashbacks“ (körperliche Reaktionen) ohne deren Bedeutung zu erkennen; das Erinnern an Einzelheiten der Umgebung, aber nicht an das Ereignis oder die Identität des Täters. Erinnerungen beginnen oft mit dem am wenigsten bedrohlichen Ereignis oder Täter. Tatsächliche Einzelheiten des Missbrauchs werden eventuell nie vollständig erinnert, dies ist allerdings für die Heilung unerheblich. Innere Beschützer/Führer lassen immer nur so viele Erinnerungen zurückkommen, wie man auch in der Lage ist zu verarbeiten
  • 27. Sexuelle Probleme: Sex fühlt sich „schmutzig“ an; Abneigung gegen bestimmte Berührungen, besonders gynäkologische Untersuchungen; starke Abneigung gegen oder der starke Drang nach bestimmten sexuellen Praktiken; sich vom eigenen Körper betrogen fühlen; Schwierigkeiten Sexualität und Emotionen miteinander zu verknüpfen; Verwechseln von Zuneigung mit Sex, Dominanz, Aggression und Gewalt; Streben nach Macht in sexuellen Bereichen, was zur Manipulation [insb. Frauen] oder Missbrauch [insb. Männer] anderer führen kann; zwanghaft asexuell oder verführerisch sein; Promiskuität; Sex mit Fremden, aber gleichzeitig das Unvermögen Sex innerhalb einer intimen Beziehung zu haben; Prostitution, Pornografie etc.; Sexsucht oder striktes verweigern; weinen oder Schmerzen nach dem Sex/Orgasmus; jeder Verkehr fühlt sich wie eine Grenzüberschreitung an; Sexualisierung aller bedeutsamen Beziehungen; sexuelle Reaktionen/Erregung auf Missbrauch oder Gefühle der Wut; Vergewaltigungsphantasien (oft resultieren daraus Gefühle von Schuld und Verwirrung); Teenagerschwangerschaften; Hinweis: Homosexualität ist keine Nachwirkung!
  • 28. Muster ambivalenter oder stark konflikthafter Beziehungen (bei echter Intimität treten die Schwierigkeiten eher auf, als in problematischen Beziehungen, wo der Fokus schnell von der eigentlichen Missbrauchsproblematik abgelenkt wird); auch Partner leiden unter den Konsequenzen des erlittenen Missbrauchs des/der Lebensgefährten/in

Punkte 29 – 37

  • 29. Meiden von Spiegeln (steht in Verbindung mit dem Gefühl unsichtbar sein zu wollen oder zu müssen, Scham, Selbstwertproblemen, verzerrter Körperwahrnehmung)
  • 30. Der Wunsch den eigenen (Nach)Namen zu ändern (um sich von den Tätern zu trennen oder ein Gefühl von Selbstbestimmung zu bekommen)
  • 31. Das Gefühl von Glück nur begrenzt dulden können; aktives Vermeiden von Freude oder dem Gefühl der Freude nur widerwillig trauen können
  • 32. Angst davor zu viel Lärm zu machen (z.B. während des Geschlechtsverkehrs, beim weinen, lachen oder anderen Körperfunktionen); verstärkt auf jedes gesagte Wort achten; leise sprechen, besonders wenn es eigentlich nötig wäre, dass man gehört wird
  • 33. Stehlen (Erwachsene), Feuer legen oder besondere Aggressionen (Kinder)
  • 34. Vermeiden bestimmter Nahrungsmittel aufgrund der Konsistenz (z.B. Mayonnaise), dem Erscheinungsbild (z.B. Bratwurst); vermeiden bestimmter Gerüche oder Geräusche, die an den Missbrauch oder den Täter erinnern; Abneigung gegen Fleisch oder rote Nahrungsmittel
  • 35. Zwanghafte Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit
  • 36. Erhöhte Wachsamkeit bezüglich Kindesmissbrauch oder das Unvermögen Kindesmissbrauch als solchen zu erkennen; Vermeiden des Themas Kindesmissbrauch; starke emotionale Reaktionen auf dieses Thema oder die Tendenz Beziehungen zu Menschen einzugehen, die selbst (Kinder) missbrauchen
  • 37. Persönlichkeitsstörungen oder eine Dissoziative Identitätsstörung (oder pDis oder Ego-State-Disorder), welche oft nicht richtig erkannt werden

Sexuelle Erregung

Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt:

Ich fand das die ganze Zeit richtig schräg und teilweise auch echt krank und hab deshalb ewig nicht darüber gesprochen. Erst vor 2 Monaten oder so, hab ich mich getraut einmal mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Ich hab dann auch im Internet mehr dazu geforscht und alle haben mir das gleiche Ergebnis präsentiert…

Es gibt Themen im Bereich des sexuellen Missbrauchs die mich sofort, beim Hören oder Lesen, erregen. Gleichzeitig ist da aber auch ein Gefühl des Schreckens und der Abscheu da. Weiter gibt Fantasien in mir, die wirklich nicht lustig sind. Nicht mal annähernd. Darauf werde ich auch nicht näher eingehen. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang aber, dass es einmal Fantasien von mir gibt und dann, in meinen Augen, abartige Fantasien, die wiederum nicht direkt von mir stammen und wo ich IMMER ein Mann bin. Ich stelle mir nicht vor der Mann zu sein, ich BIN der Mann/Täter. Meine Thera. meinte das es sich diesbezüglich vll um einen täterimitierenten Anteil handeln könnte.

Weiter meinte sie, dass auch die sexuelle Erregung bei bestimmten Themen daran liegen könnte, weil früher Erregung mit Gewalt oder einem andern Thema gekoppelt wurde. Für mich klingt das einleuchtend. Vor allem da ich genau so etwas (die Erregung) immer wieder auch von anderen Opfern sexueller Gewalt höre.

Somatische Beschwerden

Das Bild unten (das habe ich mal in einer Online-Gruppe gefunden und fand es echt klasse) , könnt ihr nutzen, um eure somatischen Beschwerden einmal einzuzeichnen (falls ihr das nicht groß bekommt, meldet euch ruhig über das Kontaktformular und ich schicke euch das per Mail zu). Auch das allein ist nicht aussagekräftig, wie immer ist es nur ein Teil des Gesamtbildes.

Ich habe die Beschwerden nicht notiert, wenn sie aufgetreten sind (also pro Tag/Uhrzeit), sondern einmal im ganzen eingezeichnet (sonst hat man da ja einen ganzen Stapel Zettel rumliegen😅). Dazu habe ich für jede Körperstelle eine andere Farbe genommen und mit dieser Farbe auch angekreuzt, wie sich die Beschwerden anfühlen und aufgeschrieben (unter Sonstiges) wie häufig sie ca. auftreten

Es gibt nicht die eine Stelle, von der man sagen kann: ,,Oh ja, also das kann nur Missbrauch gewesen sein!”. Ich kann euch also nicht sagen was da genau auf was zutrifft oder zutreffen müsste.

Also ich hab das auch gemacht und als ich fertig war, ist mir vor Überraschung erstmal die Kinnlade runtergeklappt, weil es einfach so eindeutig war, welche Stellen betroffen sind. Ohne das schwarz (oder eben bunt) auf weiß vor mir zu haben, fiel mir das nie auf. So tat halt mal da was weh und danach mal dort was, aber so richtig war da immer kein klares Bild für mich zu erkennen.

Aber wie gesagt:

Beobachtet das Gesamtbild und zieht keine voreiligen Schlüsse. Wenn euer Gefühl sagt: ,,Da war was” und sich vll auch hier ein klares Bild abzeichnet, dann glaubt diesem Gefühl auch ruhig erstmal (so gut es eben geht, ansonsten arbeitet ihr ja gegen euer Gefühl, was auch nicht gerade produktiv ist), aber bleibt offen dafür, dass es auch anders gewesen sein könnte.