Frontwechsel & innerer Struggle

Eigentlich übernehme ich nur so etwas wie eine Stellvertreterrolle für „Franzi“ , jedoch fühlt sich momentan vieles sehr merkwürdig an.
Bei uns sind Frontwechsel nicht so, dass eine Person mit komplett konrären Erscheinungsbild wechselt, sondern jeder der nach vorn kommt, schlüpft quasi in die Rolle von „Franzi“ – Das bringt auch sie, als Anteil, dazu, momentan immer stärker zu hinterfragen, wer und was sie eigentlich ist.

Und auch mich belastet das stark, da ich nun vorn bin, aber nicht die sein kann, die ich bin.
Ich fühle mich immer wieder in eine Rolle gedrängt, die ich gar nicht bin – Oder doch?

Wer nach vorn kommt bei uns, der übernimmt automatisch die Rolle der Außenerscheinung, das „garantiert“ das wir nicht auffallen. Das unser Erscheinungsbild einheitlich ist und die Dis nicht auffällt.

Einerseits mögen wir das. Wir wollen nicht als Zirkuspferd hevorstechen und jedes Mal erklären müssen, warum wir gerade sind, wie wir sind. Bisher waren wir sehr zufrieden damit, dass man uns für eine Einzelperson hielt. Vor Freunden sowieso, aber auch im näheren Bekanntenkreis.

Warum?

Dafür könnten wir mehrere Gründe nennen:
Zum einen wollen wir im tiefsten Inneren gar nicht so anders sein. Uns belastet seit je her der gesellschaftliche Ausschluß, weil wir schon immer anders waren – allein aufgrund der Neurodivergenz.
Alles andere beudetet noch mehr Ausschluß.
Wir wollen aber Nahestehende auch nicht belasten, obwohl wir gleichzeitig auch der Meinung sind, dass echte Freundschaft so etwas aushalten muss. Man kann nicht nur befreundet sein, wenn der eine die Erwartung des anderen erfüllt oder alles immer schön ist. Wem es nicht passt, der kann gehen – Das ist nicht das Problem, das Menschen-loslassen. Nicht im rationalen Verstand.
Aber auch nur, weil wir uns erst gar nicht tief genug auf diese Menschen einlassen. Wir wissen manchmal nicht, wann wir belasten & wann es okay ist.

Wir wollen aber auch nicht dass jemand etwas über unser System weiß, denn das bedeutet Gefahr & warum sollten wir jemand ernsthaft vertrauen? Bisher hat jeder Mensch, dem wir nahestanden, bewiesen, dass Menschen es nicht wert sind, dass man ihnen vertraut. Und ja, womöglich zählen wir uns darunter. Dadurch das wir nicht vollständig vertrauen, rate ich nur begrenzt dazu auch uns vollständig Vertrauen zu schenken.

Schenkten wir bisher Vertrauen & verrieten einen Bruchteil über unser System, dann würde dieses Vertrauen kurz danach missbraucht. Ganz zu schweigen won anderen Situationen, in denen wir vertrauten. Wir sortieren streng danach, wem wir Freund nennen & das sind bisher nur 2 Personen & auch diesen können wir uns nicht öffnen. Immer ist die Fassade da.  Jedoch würden wir uns für diese 2 Freunde auch nicht vor eine Kugel werfen (für jemand anderen dagegen schon), daher ist offen, ob wir diesen 2 Menschen überhaupt genug vertrauen. Zu wenig jedenfalls, um unser Leben für sie zu opfern & diese Gefahr besteht, wenn wir uns offen zeigen würden.

Wir verstehen zudem auch nicht, warum jemand etwas über unser System wissen möchte. Welche Rolle spielt es, wer & was gerade da ist, wenn wir doch nur 2 Körper sind, die sich gerade unterhalten (ist da vllt. doch noch eine fehlende Akzeptanz in der eigenen Geschichte oder ist es ein Unverständnis, warum man alles bis ins kleinste unterteilen muss?)?

Und es gibt noch mehrere Gründe.

Und trotzdem merken wir jetzt, wie anstrengend es ist, ständig die Fassade aufrecht zu erhalten.
Wir wollen es nicht mehr & wollen es doch & dieses innere Zereissen macht völlig apathisch.

Obwohl ich jetzt da bin, bin ich es doch nicht. Oftmals fehlen mir Tage komplett, was mir Probleme bereitet, am Vergangenen anzuknüpfen, was bei „Franzi“ nicht der Fall war. Ist das nun gut (weil die Dissoziation der Dissoziation wegfällt oder schlecht, weil es tatsächlich mehr Blackouts gibt? Obwohl es die gar nicht wirklich gibt: Hier fühlt es sich an, als wären sie nicht, bis kaum mehr da & trotzdem weiß ich nichts davon, was zwischendurch passiert). Liegt es daran, dass ich nicht fest als Frontperson eingesetzt bin? Aber ich soll es ja doch sein. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe unser Syteem nicht mehr. Vieles ist plötzlich sehr anders.

Wir sind kaum mehr fähig dazu die Fassade aufrecht zu erhalten & ICH möchte es sowieso nicht. Ich habe kein Interesse daran jemand zu spielen, der ich nicht bin.
Und trotzdem tue ich es, sobald ich vorn bin. Ich rutsche in diese Außenerscheinung, so wie jeder andere, der nach vorn kommt.
Wenn ich, wie sonst, im Co-Bewusstsein da war, konnte ich Ich sein & daran erinnere ich mich auch noch, aber jetzt verschwimmt diese Grenze immer weiter. Das belastet mich. Ich mag mich nicht auflösen, in etwas, das ich nicht bin.

Obwohl ich auch nicht weiß, wer diese Außenerscheinung ist: Ist sie nur ein konstruiertes Bild der Täter oder sind das tatsächlich Wir? Wir spüren, wer wir laut Täter sein sollen. Was unsere Rolle war. Und währenddessen hat sich die Außenerscheinung stark verändert. Wir sind schon sehr lange, nicht mehr die, die wir früher waren. Und wir mögen, wer wir jetzt sind.
Ist es daher gut, wen wir jetzt im Außen darstellen? Ist auch das ein Sammelsurium von uns allem, dass sich dann im Einen äußert oder sind wir noch immer so kontrolliert, dass wir kein Ich finden? Dagegen weigern wir uns, aber hat das etwas zu sagen oder nicht? Aber ein Ich fühlen wir mittlerweile & trotzdem fühlt es sich komisch an.

„Franzi“ will exakt diese Rolle aber auch nicht erneut übernehmen.
Ich kann diese Aufgabe nicht mehr abgeben.
Man muss wohl aufpassen, für was man sich begeistert.
Meine anfängliche Freunde darüber, dass ich jetzt „frei“ bin, hat sich daher schnell verflüchtigt. Ich wünsche mir den alten Zustand zurück, denn da fühlte ich mich viel freier, während „Franzi“ das aber nicht tat & tut. Sie ist viel weiter in ihren Gedanken & ich frage mich, ob ich eigentlich all die Jahre nur stagnierte?
Ich dachte, ich wäre Ich & ich wäre frei & sobald ich den Weg dazu habe, dies zu zeigen, könnte ich hier einen ganz neuen Wind wehen lassen, aber jetzt fühle ich mich, als hätte man mir Ketten angelegt.
ICH HASSE DAS!

Ist eine Entgiftung das Allheilmittel?

Erst vor Kurzem wurde wieder ein junges Mädchen interviewt, das auf der Straße lebt, drogenabhängig ist und anschaffen geht.
Ein merkwürdiges Gefühl hinterließ dieses Interview in mir, weil die Headline war: „Die Geschichte einer schönen Kämpferin“ (und darauf auch immer wieder Bezug in den Kommentaren genommen wurde) und die Frage ist, ob ein Mensch mehr Wert ist, weil der dem gesellschaftlichen Standart von Schönheit eher entspricht, als jemand anderes? Wie viele Frauen treffen wir auf der Straße, die diesem Bild schöner Haare oder eines symmetrischen Gesichts nicht entsprechen, deren Leid aber exakt das Gleiche ist? Ist deren Leid weniger wert? Sind sie weniger schön? Und dadurch weniger Wert? Begrenzen wir als Gesellschaft unseren Wert, den wir Menschen beimessen, ihrer subjektiven Schönheit? Lohnt es sich wirklich, auf die Schönheit einer Person Bezug zu nehmen, so als wäre es dann umso schlimmer, dass sie dieses Schicksal ereilt?

Ich mag jedoch nicht diese Headline kritisieren, zumal diese Aufrufe generiert und das Leid sichtbar macht. Ich mag mehr das gesellschaftliche Interesse kritisieren, dass jene Menschen hervorhebt und dadurch andere gleichzeitig abwertet.

Die Hilfsbereitschaft war nach diesem Interview zudem letztendlich enorm. Jeder 2.- 3. wollte das Mädchen aufnehmen oder anderweitig helfen.
Was jedoch erneut ein merkwürdiges Gefühl hinterlässt … Denn solche Mädchen und Jungs existieren nicht im Einzelfall oder erst dann, wenn ein Interview gedreht wird. Wäre das gesellschaftliche Interesse auch außerhalb von Medienberichten vorhanden, könnten wir generell etwas gegen solche Fälle machen. Niemand müsste anschaffen gehen (und sich permanent in Gefahr begeben) und drogenabhängig auf der Straße leben.

So etwas existiert – entgegen der landläufigen Meinung, dass diese Menschen nur faul und unfähig sind – weil die Gesellschaft diese Menschen im Stich lässt. Es interessiert den Großteil schlicht nicht – nichts davon – solange es nicht dauerhaft medial ausgestrahlt wird (wie in jeder Thematik). Der Mensch ist auf sich fokussiert, was wiederum jedoch nicht verwunderlich ist, da sich ein Großteil der Menschen im dauerhaften Überlebensmodus befindet und dort geht es nun einmal um dein eigenes Überleben, das eigene Sein.

Nun aber zur Überschrift: Was nützt eine Entgiftung?

Weitere Kommentare unter diesem Interview bezogen sich darauf, dass sie eine Entgiftung braucht, aber scheinbar nicht will: „Dann kann man ihr auch nicht helfen“ (sie sagte, dass ihr eine Entgiftung nichts bringen würde) und darüber müssen wir reden:

Menschen stellen sich unter einer Entgiftung leider viel zu oft vor, dass man dadurch Abstand zur Substanz gewinnt und danach geht es einem wieder gut.

Und ja, es gibt jene Menschen, die von einer Substanz abhängig werden, ohne das andere Problematiken vorliegen.
Es gibt bspw. Fälle junger Mädchen, die von ihrem „Freund“ (oder aus Neugier oder einem anderen Fall) eine Her*inspritze (o.Ä.) verabreicht bekommen und danach süchtig werden. Das gibt es und solche Fälle dürfen wir nicht unter den Tisch kehren.
Sie machen aber nicht den Großteil aus.

Der Großteil der Abhängigen, welcher Art Substanz auch immer, hat bereits eine oder mehrmalige traumatische Erfahrungen im Leben gemacht (und auch hier zeigt sich wieder: Trauma ist der Hauptaspekt) und nicht die Unterstützung, in dieser Zeit, bekommen, die sie benötigten.
Hierbei soll es aber nicht um ein grundlegendes „Shaming“ gegenüber der Angehörigen gehen. Viele geben sich jahrelang Mühe, sind für den Betroffenen da und es wird trotzdem nicht besser … Hierbei gibt es 2 Faktoren zu berücksichtigen:

1.) Ist derjenige überhaupt bereit, Hilfe anzunehmen? Viele haben gelernt, dass Hilfe flüchtig ist und man sich allein um seinen Kram kümmern muss. Hilfe ist für viele ein rotes Tuch, weil das Vertrauen fehlt (zumal die Suche nach Hilfe oftmals zu noch mehr Konsequenzen führte und daher wieder Triggerbehaftet ist).
Nimmt ein Betroffener eure Hilfe nicht an, müsst ihr nicht automatisch etwas falsch machen. Es fehlt an Vertrauen: Helft demjenigen dieses aufzubessern, indem ihr euch an Absprachen und Aussagen haltet etc., statt Ratschläge zu verteilen. Jede, besonders unbegründete oder spontane, Veränderung der Absprachen kann dieses Gefühl der Unsicherheit begünstigen. Seid von Beginn an ehrlich. Ich weiß, manchmal ist schwer (besonders, wenn man eigene Thematiken im Ehrlich sein hat, aber dann ist es okay zu erkennen, dass man gerade nicht zueinander passt). – Und nein, manchmal könnt ihr euch noch so viel Mühe geben, derjenige findet dieses Vertrauen trotzdem nicht mehr. Es ist zu erschüttert. Das liegt dann nicht per se an euch.

2.) Hilfe bedeutet aber auch oft, dass man sich an den Willen des anderen anpassen soll/muss, mit Androhung einer Strafe (z.B. Kontaktabbruch – es ist okay sowas zu tun, aber setzt den anderen nicht unter Druck: „Ich habe nur weiter Kontakt zu dir, WENN…“ – Wenn du merkst, es passt nicht, reduziere den Kontakt oder breche ihn ab. Es ist schmerzvoll, aber gegenseitiges Triggern bringt niemand weiter. Kommuniziere es jedoch richtig, das ist wichtig) , sollte man dem nicht folgen. Vllt. war die Hilfe des Angehörigen nicht die Richtige, so gut sie auch gemeint war (auch hier geht es wieder nicht um Gut-und-Böse). Machmal reicht es aus, nur da zu sein und zuzuhören und demjenigen bei seinem Abstieg zu beobachten, so schwer es auch ist – Herausfinden kann, am Ende, nur derjenige selbst … Oder auch nicht.
Es ist nicht eure Aufgabe denjenigen zu retten.

Wollen Betroffene überhaupt Hilfe?

Im Regelfall: Ja.
Aber es nützt nichts, das Ende des Konsums vorauszusetzten.
Oftmals wollen die Betroffenen keine Hilfe im Konsum, sondern bei ihrem grundlegenden Problem.

Man greift nach einer Substanz, weil es einen Zustand (bekannt oder unbekannt -> Was dann oftmals ein diffusers Gefühl von Unwohlsein und unerträglicher Unruhe ist) besänftigt. Dieser Zustand hat eine Ursache und wird diese Ursache nicht angeschaut/behoben, löst sich daran nichts.
Du kommst möglicherweise vllt. los von der einen Substanz, suchst dir aber schnell etwas anderes, was deinen inneren Zustand besänftigt.
Und ja, ich weiß, dass oftmals sogar zu „gesunden“ Suchtalternativen geraten wird. Daran ist, per se, nichts falsch. Jedoch nützt es nichts, die eine Sucht zugunsten einer anderen zu beheben.
Sucht ist Sucht.
Ablenken ist Ablenken.
Egal mit was.

Anker finden ist gesund, etwas Außenstehendes von seinem Zustand abhängig zu machen, jedoch nicht.

Der innere, unaushaltbare Zustand ist noch immer da und verflüchtigt sich nicht, weil man die Substanz weglässt. Nur allein aufgrund dieses Zustands hat man schließlich damit begonnen.
Dieser löst sich, je nach Thematik, auch nicht über Reden auf. Fehlt bspw. ein grundlegendes Ur-Vertrauen wird es nicht besser, indem andere sagen, was man tun soll. In solchen Fällen wird es nur besser, wenn man, zentriert in sich selbst, für den anderen da ist (ohne Aufopferung – hier muss also jeder Angehörige erst einmal bei sich selbst schauen, was/wer er ist, wo er steht und welche Erwartungen er hat). Und so lässt sich das in vielen Fällen fort führen.

Was sind diese Zustände?

Es sind nicht immer direkt bewusste Traumasymptomatiken, wie Flashbacks oder Intrusionen. Es muss nicht einmal ein diagnostizierts Krankheitsbild vorliegen.
Viele Menschen mögen andere Menschen nicht, fühlen sich in deren Gegenwart unwohl und nicht frei (gesellschaftlicher Druck). Manchmal wird man lockerer durch Substanzen. Oder kompetenter. Oder man gönnt sich eine Auszeit vom Leben – Einem Leben, was zu sehr anstrengt, denn sonst benötige man keine Auszeit … Wer nicht im dauerhaften Überlebensmodus lebt, mag sich das schwer vorstellen können…
Manchmal ist es der eigene, fehlende Selbstwert. Manchmal die fehlende Sozialkompetenz, manchmal einfach nur das Gefühl, so endlich einmal Spaß/ein positives Gefühl empfinden zu können oder zu einer Gruppe zu gehören usw.

Die Gründe, warum Menschen konsumieren, sind vielfältig.
Selten ist aber die Substanz allein verantwortlich.

Hilft daher eine Entgiftung?

Kann sie. Sie kann wirklich hilfreich sein und teilweise sogar wichtig sein. Pauschalisieren lässt sich das, wie immer, daher nicht.
Aus MEINER Erfahrung (wie ich es bei Betroffenen beobachten konnte) hilft sie aber selten allein.
Bei nicht zu Wenigen fanden kaum psychologische Gespräche währenddessen statt und nicht zu selten kamen die Betroffen während der Entgiftung erst recht an diverse Substanzen (ein Betroffener schilderte mir einmal, dass er während der Entgiftung mehr konsumierte, als vorher, weil der Stoff dort dauerhaft vorhanden war…)

Ich habe nie eine gemacht, weil ich es bis heute so sehe, dass es mir nichts nützt (daher verstehe ich die Interviewperson), nimmt man mir das weg, was mich am Boden hält.
Habe ich eine gesunde Alternative – wobei wir permanent am versuchen sind, diese zu finden – dann ist die Substanz unwichtig.
Das wissen wir aus Erfahrung.
Stehe ich aber alle dem allein gegenüber, dem man eben manchmal allein gegenübersteht, dann schaffe ich es leider oftmals nicht ohne – ohne trinken, ohne Social Media oder Cannabis rauchen und manchmal auch noch anderem – , weil es das Einzige ist, was mir einen Ansatz von Ausgleich verschafft.

Es ist ein innerer Druck, ein Sammelsurium verschiedener Gefühle, die auf mich einprasseln, denen ich nicht mehr Herr werde. Irgendwann werde ich es. Davon bin ich überzeugt. Aber aktuell schaffe ich es nicht. Ob das für die Zukunft gut (durch Anerkennen und Akzeptieren) oder schlecht (aufgrund der Hingabe) ist oder nicht, wird sich erst noch zeigen und das ist okay.

Helfen hier andere Menschen?

Naturlich iist es wichtig, Unterstützung zu haben. Sehr wichtig.

Ich bezweifle jedoch, dass eine andere Person mir diese Gefühle nehmen könnte und selbst wenn, würde mich das viel zu sehr, auf einer anderen Art, abhängig fühlen lassen.
Ein anderer Mensch könnte mich ablenken, er könnte mir ein schönes Gefühl geben, ja, aber letztendlich würde ein anderer Mensch – SO – nur einen Ersatz für die Substanz schaffen.
Er könnte mir Sicherheit geben – ja, das wäre so. Aber was ist, wenn dieser Mensch weg ist? Dann wäre ich wieder am Anfang. Ich würde es nicht ertragen, mein Leben – das Fundament meines Lebens – auf jemand anders zu stützen. Und da ich nicht wollte, dass jemand anderes sich derart von mir abhängig macht – weil mich das umgedreht zu sehr an Erwartungen des anderen binden würde, die ich niemals, dauerhaft, erfüllen kann – möchte ich auch dies keinem anderen zumuten. Entweder ich schaffe es allein oder gar nicht – aber das ist nur ein innerer Glaubenssatz und den muss niemand für sich übernehmen.


Daher betrachte ich es so, dass wir herauszufinden versuchen, was den Drang zum Betäuben verursacht, welche Gefühle die Grundlage sind. Und diese dann zu hinterblicken und zu integrieren. Ohne sie auf Ersatz“substanzen“ zu konzentrieren. Natürlich wünsche ich mir nichts sehnlicher, als einen Menschen, bei dem ich mich Zuhause fühle. Wo ich sein kann, wer ich bin. Liebe. Echte. Ohne Anpassung. Und ich bin auch überzeugt, dass das einen entscheidenden Beitrag zu meine unserer Heilung beitragen wird – Aber auf solch einen Menschen kann und darf ich nicht alles ablassen, sonst bin ich am Ende wieder da, wo ich angefangen habe.

Nur so fühlen wir uns also wirklich frei und bekommen ein Gefühl für zukünftige Freiheit: Wenn wir selbstbestimmt entscheiden, was wir tun und das wir nicht abhängig davon sind, ob uns etwas im Außen beruhigt oder nicht. Unabhängig sein von anderen. Von Menschen oder Substanz.

Was würde mir eine Entgiftung helfen?

Nichts.
Rein gar nichts.
Die Wahrscheinlichkeit zu etwas Betäubenden zu greifen, sobald sie vorbei ist, ist enorm hoch. Genauso, wie bei den meisten Betroffenen. Die Rückfallquote innerhalb des ersten Jahres liegt bei ganzen 33%.
Bei Alkoholikern sogar bis zu 60%.
Betroffene werden, in der Regel, aber nicht rückfällig, weil sie schwach sind, sondern weil die Welt nach der Entgiftung noch immer die Gleiche ist, wie zuvor.

Es wird, wie üblich in unser heutigen Welt, selten auf die Ursache geschaut, sondern nur darauf, wie man das Symptom schnell möglich zum Schweigen bringt. Und das auf Dauer KANN NICHT erfolgversprechend sein.

Als Angehöriger…

… Kann auch ich mich keinem Menschen voll hingeben, der an etwas gebunden ist. Der sein Sein von einer Person, einem Job, einem Glauben oder Substanz abhängig macht.
Ich habe damit starke Probleme, weil ich mich dadurch begrenzt, eingeschränkt und ohnmächtig fühle (mein eigenes Problem also, der Fehler liegt weder bei mir noch dem anderen).
Das muss man aber auch nicht (=Aufopfern). Es geht nicht um Aufopferung, sondern um Authentizität.
Nur das hilft dir und dem Betroffenen. Du musst auch nicht von allem geheilt sein (wann ist man das überhaupt? Gibt es diesen Zustand jemals? Du musst nur ehrlich sein. Dir und anderen gegenüber. Alles andere ergibt die Zeit)

Es steht jedem zu, sich zuerst in Sicherheit zu bringen.
Eine Sucht resultiert aus einem eigenen Zustand und niemand, außer man selbst, ist verantwortlich dafür, dass sich dieser bessert.
Helft, solange ihr euch selbst schützt, denn wenn ihr euch selbst dadurch zerstört, ist keinem geholfen.
Zeigt aber auch eine Grenze zwischen: „Hier gehe ich daran kaputt“ – Und dem eigenen Ego ( „Er macht nicht, was ich will“ ) .

Viel zu oft verwechseln Menschen ihre  Grenzen mit dem eigenen Ego und umgedreht.

Es ist zudem absolut richtig, dass man mit einem abhängigen Menschen psychologisch nicht bis kaum arbeiten kann. Die Sucht, ist sie tatsächlich ausgeprägt, übernimmt alles. Vor allem das Denken.
Ich erlebte das damals, in der Zeit, als wir mit diesem Klientel zu tun hatten (hiermit sind nicht süchtige Menschen per se gemeint, sondern Süchtige, die ihre Verantwortung auf andere übertragen: „Ich kann nichts dafür, alle anderen sind schuld„)

Aber, meine Bitte: Schaut zuerst, was hinter der Sucht oder dem Drang nach der Substanz (der Vorstufe) steckt. Im Normalfall gibt dieser Hintergrund Aufschluss darüber, wie man am Besten weiter gemeinsam vorgeht. Klappt das nicht: Zieht euch getrost zurück. Wie gesagt: Ihr seid nicht für andere verantwortlich.

Selten ist die Substanz allein verantwortlich (wenn gleich sie den Charakter aber, mit der Zeit, verändert), sondern eher, dass der Betroffene keine andere Möglichkeit hat, mit der Realität umzugehen – Und wenn du das kannst, mit der Realität umgehen: Glückwunsch. Ernsthaft. Das ist nicht sarkastisch gemeint.
Deshalb steckst du jedoch trotzdem nicht in der Haut des Betroffen und hast ein Recht, darüber zu urteilen. Du bist aber auch nicht in der Verantwortung für denjenigen. Übernimm einen Teil davon NUR, wenn du vollständig in dir gefestigt bist, sonst schadet ihr euch nur gegenseitig.

Zieh eine gesunde Grenze:
Du DARFST weder urteilen, ja, noch musst du aber helfen. Finde für dich den richtigen Weg, aber sei ehrlich zu dir, warum du diesen Weg wählst.
Diese Empfehlung gebe ich sowohl an Angehörige wie auch an Betroffene.