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Kontakt zur Familie abbrechen, oder nicht?

Also erstmal: Darauf gibt es von Außenstehenden keine Antwort.

Egal wie jemand anderes die Lage bewertet, letztendlich könnt diese Entscheidung nur ihr selbst treffen. Wenn ihr das tut, was euch ein anderer rät oder sagt, ist und bleibt es nicht eure Entscheidung und es ist sehr wahrscheinlich das ihr es nachher bereut. Nur wenn ihr selbst diese Entscheidung trefft, bringt sie wirklich Sinn und Nutzen.

Ich rede heute erstmal nur aus meiner Sichtweise und warum und wie ich das bewerkstelligt habe. Wie ihr aber wisst, haben wir immer noch Kontakt zur Familie. Wir sind noch nicht aus allem raus und von daher könnte ich sowieso niemals „kluge Ratschläge“ oder ähnliches geben.

Wann darf man den Kontakt abbrechen?

Immer. Punkt.

Egal welchen Menschen es betrifft, eine einfach Frage an sich selbst reicht meist aus: ,,Fühle ich mich bei diesem Menschen öfter gut, als schlecht?“
Wenn das nicht der Fall ist, dann ist es sehr naheliegend, dass du dich in keiner gesunden Beziehung zu demjenigen befindest.
Ihr kennt das vllt: Selbst wenn z.B deine beste Freundin/Freund extrem traurig und niedergeschlagen ist und momentan viel mehr Kraft braucht, als sie/er dir zurückgeben kann, fühlst du dich trotzdem gut und wohl in ihrer/seiner Gesellschaft. Das liegt daran, dass sie/er dich zwar gerade braucht, aber dir in keinster Weise das Gefühl gibt du wärst schuld, schlechter, dümmer o.ä als sie/er oder dich anders unterordnet. Ihr führt trotzdem eine Freundschaft auf Augenhöhe. Eine ungesunde Beziehung hat also nichts damit zu tun, ob derjenige körperlich oder psychisch angeschlagen ist.
Es liegt eher daran, dass ihr nicht kompatibel seid oder daran, dass derjenige keine Verantwortung für sich selbst übernehmen will.

Und in so einer Beziehung zu verharren schadet letztendlich allen Parteien. Vor allem einem selbst.
Und da ist es völlig egal in welcher Verbindung man zu demjenigen steht/stand.
Wenn Teile deiner Familie (oder die ganze) aus toxischen Menschen bestehen oder auch selbst wenn sie sich Mühe geben Vergangenes wieder gut zu machen, sie dich aber zu sehr triggern, darfst du den Kontakt abbrechen.
Jederzeit.

Sprüche wie: ,,Aber das sind doch deine Eltern/Familie, das kannst du ihnen doch nicht antun“ dürft ihr getrost überhören.
Diejenigen, die so etwas sagen, meinen es nicht böse. Die meisten davon können sich einfach nicht vorstellen was für Abscheulichkeiten manche Familien tun können oder sind selbst in Abhängigkeiten gefangen, weshalb solche Grenzen zu ziehen für sie noch unbekannt sind.
Wenn es sich für euch besser anfühlt den Kontakt momentan oder auch ganz abzubrechen, dann tut das. Und wenn nicht, dann tut es nicht. Egal was andere sagen oder finden.

Hat die Familie Vergebung verdient?

Um deiner selbst Willen, auf jeden Fall.
Wenn auch ich das Wort Vergebung immer etwas schwierig finde. Ich weiß das es nicht darum geht einfach zu sagen: ,,Schwamm drüber, vergessen wir’s einfach„, sondern darum loszulassen und nicht am Groll festzuhalten.
Und alleine das finde ich sehr wichtig. Allein aus dem Grund, weil ich finde das man Tätern (welcher Art auch immer) nicht die Genugtuung geben sollte, dass sie immer noch so eine große Rolle im eigenen Leben spielen.
Ich möchte keine Rache. Gerechtigkeit, ja. Aber keine Rache. Manchmal kommen natürlich solche Gedanken, aber letztendlich reicht es das die Folgen der Taten noch immer so einen großen Platz in unserem Leben einnehmen. Ich möchte nicht noch gar die restliche Zeit damit verbringen, diese Menschen in mein Leben zu holen, indem ich ständig an sie denke.

Menschen, die ehrlich bereuen (was zwar selten, aber durchaus vorkommt) finde ich, haben manchmal durchaus eine 2. Chance verdient (müssen aber nicht!).
Aber nur wenn sie ihren Fehler ins Auge blicken (ohne Verantwortungsverlagerung) und eine Veränderung anstreben. Aber auch da kommt es, für mich, nochmal auf die Tat an.

Wir war das bei mir?

Glücklicherweise waren es meine Eltern, die zuerst den Kontakt abbrachen als ich 17 war.
Damals flohen sie buchstäblich (laut ihrer Aussage, vor der Familie) mit mir ins Ausland (obwohl meine Mutter mich gar nicht mitnehmen wollte, mein Vater bestand darauf). Ich dachte früher immer, sie wären einfach nur total durchgeknallt. Sie haben sich ihre Welt ja auch immer sehr schön geredet. Nie waren sie für etwas verantwortlich. Immer die Opfer. Mit den wildesten Geschichten.

Mich schickten sie dann trotzdem wieder nach Deutschland zurück, allerdings viele Kilometer von der alten Heimat entfernt. Dort mieteten sie eine 2.Wohnung. Unser Nachbar dort war der Manager eines Hotels, wo ich dann auch anfangen sollten zu arbeiten.
Dann, an Ostern (wenig nachdem ich in Deutschland zurückblieb) , reagierten sie nicht mehr auf meine Anrufe und ließen mich allein zurück. Zu dieser Zeit bewohnte ich bereits nicht mehr die Wohnung der Eltern, sondern wohnte in einer WG, für deren Zimmer ich 225€/mtl. zahlte , von 300€ Lehrlingsgehalt.
Sie ließen mich quasi ohne alles, ohne Geld oder Kontakte (vorher impfte man mir ja auch stets fleißig ein, bloß niemand zu vertrauen) und vor allem ohne Erklärung zurück.

Wisst ihr, heute denke ich da manchmal drüber nach, warum meine Eltern wirklich „geflüchtet“ sind. Warum keiner aus der Familie (inkl. mir) etwas von den Schwangerschaften der Mutter wissen sollte. Warum keiner ihre Adresse erfahren durfte, usw. Ich dachte immer, sie wären total psychotisch, aber heute stufe ich einiges anders ein. Wahrscheinlich war es ihr Versuch zu fliehen, ich weiß es nicht. Aber das sie uns zurück ließen, naja. Da hört dann, ehrlich gesagt, auch mein Verständnis wieder auf.

Erneuter Kontakt

Ein Jahr später gab es noch einmal regelmäßigen Kontakt zu den Eltern. 2 Jahre später brachen sie (ungelogen) den Kontakt wieder ab. Wahrscheinlich weil die Mutter erneut schwanger war, aber den genauen Grund kennen wir bis heute nicht.
Hätten sie das nicht gemacht, wäre ich, glaube, aber niemals los gekommen. Ich war in so einer emotionalen Abhängigkeit gefangen, dass sie mir hätten sagen können Bäume wären lila Oktopus-Hasen und ich hätte es nicht angezweifelt.
Als ich noch Kontakt zu meinen Eltern hatte, habe ich sie bis aufs Fleisch verteidigt. Die anderen sind böse, niemals sie. Das haben sie mich ja auch immer so gelehrt.
In meinem Leben wäre ich damals niemals auf den Gedanken gekommen, den Kontakt zu ihnen abzubrechen.
Sie waren wie eine Sucht und ich wüsste nicht wie ich reagieren würde, würde ich sie heute regelmäßig z.B im Supermarkt sehen.

Hier ist also nichts mit heldenhafter Geschichte, wie hardcore ich damals die eigenen Grenzen durchgesetzt habe, weil man sich ja so sehr selbst geschätzt hat…

Später kam es noch einmal zu erneuten Kontakt, diesmal aber nur via Mail. Als die Mails dann immer abgedrehter wurden (der Vater behauptete z.B plötzlich seine Tochter wäre tot und Zitat: „die geistigen Verwalter von Franziska“ würden ihm schreiben, während er in der nächsten Mail dann wiederum offenkundig seiner angebligch toten Tocher und meinem Sohn drohte. Daraufhin unterband ich den Kontakt.

Im Laufe der letzten Jahre kamen dann (obwohl er im letzten Kontakt erneut behauptete, wir wären tot oder zumindest so fremdbestimmt, das man nichts mehr selbst entscheiden könnte) ab und an Geburtstags oder Ostergrüße. Aber nichts wirklich Persönliches. Ein Bild mit Blumen oder einem Stück Torte per Mail und max. eine kurze Floskel.
Ich antworte ab da allerdings auf nichts mehr.

Also im Prinzip habe ich es den Eltern selbst zu verdanken, dass ich den Kontakt abbrechen konnte. Mittlerweile besteht seit 10 Jahren kein direkter Kontakt mehr (außer der kurze Mail Kontakt zwischendrin nochmal).

Weitere Familienmitglieder

Etwas anders und einfacher gestaltete es sich vor 6 Jahren mit anderen Familienmitgliedern.
Aufgrund von Vorkommnissen die sich ebenfalls gegen den Sohn richteten, brach ich den Kontakt rigoros ab. Kein Telefonkontakt mehr, keine Mails, nichts mehr, was nicht absolut notwendig war.
Also ich spreche jetzt vom bewussten Wissen über keinen Kontakt (und wo ich einfach nur hoffen kann, dass andere auch keinen Kontakt haben).

Auch zu 2 weiteren Familienmitgliedern war ein Kontaktabbruch letztes Jahr möglich. Die Intention dazu kam, glücklicherweise, mehr aus dem Innen.

Nur zu einem kleinen und damit dem letzten Teil der Familie ist ein Kontaktabbruch noch nicht möglich.
Es geht nicht, trotz besseren Wissens. Auch wenn ich weiß, das der Kontakt so mittelprächtig gesund ist. Es funktioniert nicht. Und aktuell habe ich leider keine Ahnung warum. Ich kann dahingehend nur spekulieren. Daher ist das wirklich ernst gemeint, dass wir die letzten sind, die Ratschläge verteilen könnten.
Was wir stattdessen aber machen, ist versuchen den Kontakt auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Soviel wie nötig, so wenig wie möglich. Und am Rest sind wir dabei. Ein wichtiges Ding dahingehend wäre wahrscheinlich umziehen, aber das ist derzeit überhaupt nicht möglich.

3 Leitsyptome eine (K)PTBS: #3 Intrusion (2) – Wiederholungszwang

Wie angekündigt, soll es heute um die Trauma-Reinszenierung gehen. Eine Form der Intrusion, die sich u.a im Handeln des Menschen ausdrückt…

Was ist der Wiederholungszwang?

Freud prägte den Begriff Wiederholungszwang anfang des 20.Jh. In seiner Arbeit dazu setzte er sich mit den Fragen auseinander, warum so viele neurotische Patienten Verhaltensweisen, die ihnen nachweislich schaden, einfach nicht ablegen können und stattdessen immer wieder erneut reinszenieren. Dieses ganze Szenario der Reinszenierung war aber natürlich schon lange vor Freud bekannt.

Alles im Leben neigt nämlich eigentlich zur Wiederholung: Einatmen – Ausatmen. Leben – Vergehen. Das Pumpen unseres Herzens … Und auch unsere Psyche wiederholt Dinge, vor allem die, die sie nicht versteht. Nicht begreift. Dinge die unbewusst in uns schlummern. Und selbstverständlich haben sich diesem Thema schon viele Menschen gewidmet.

Ich meine, kennt ihr das nicht auch? Immer wieder landen wir in den gleichen Beziehungsmustern: Wir geraten wiederholt an Männer, die Gewalt an uns ausüben oder wir sind schon wieder an eine Frau gekommen, die uns fremdgeht. An Freunde die uns ausnutzen, wir werden immer wieder Opfer von Mobbing oder erleben stets aufs Neue wie wir ausgeschlossen werden. Es gibt Dinge an uns, die wir einfach nicht schaffen abzulegen und Situationen, die sich wie ein Fluch wiederholen und wir verstehen nicht warum das passiert...

Und gerade bei diesen sich wiederholenden Beziehungsmustern und Erlebnissen denke ich mir oft, dass es doch meine Schuld sein muss. Wenn es in alledem immer nur diese eine Konstante – und zwar mich – gibt, welche andere Schlussfolgerung bleibt einen da eigentlich auch noch? Es können ja schließlich nicht immer die anderen sein.

Aber genau dieses Prinzip der Wiederholung erklärt eben, dass wir nicht selbst SCHULD sind. Stattdessen sind wir handelende und agierende Figuren in unserem eigenen Leben. Wir tragen nicht die Schuld für das Verhalten anderer uns gegenüber. NIEMALS! Nein, es zeigt uns eher auf, dass wir nicht ewig Spielball unserer Umgebung bleiben müssen. Das wir selbst auch eine Rolle in unserem Leben spielen dürfen, statt das das nur die Wünsche und Gelüste anderer tun. Um Schuld geht es dabei überhaupt nicht.

Warum kommt es dazu?

,,Was man nicht versteht, lässt einen nicht los.

Finde ich genial und total passend diesen Satz. Guckt mal, ein Trauma ist nicht immer nur eine Vergew*ltigung, ein Überfall oder eine Naturkatastrophe. So viele Dinge wirken traumatisch auf uns ein. Die frühe Trennung von unseren Eltern, Konflikte in der Familie usw. Natürlich sind die Ausmaße anders, aber d.h ja nicht, dass so etwas keine Folgen hat. Solange etwas aber noch unbewusst ist, wir also gar nicht begreifen, dass es da überhaupt etwas gibt, was in uns schlummert. Solange können wir es auch nicht in der Vergangenheit lassen, abschließen damit und nehmen es stattdessen immer wieder mit in unsere Gegenwart.

Bisher geht man davon (und da ist die Forschung noch lange nicht am Ende angelangt), dass diese ständige Reinszenierung stattfindet, weil wir dadurch versuchen können, den Ausgang der Situation, heute anders zu gestalten. Themen die uns damals ohnmächtig machten und verletzt und verständnislos zurückließen, könnten so durch erneutes Erleben umgestaltet werden. Der Kerngedanke ist also neu erleben, ein positives Ende herbeiführen, unsere Macht zurück gewinnen und das Thema so integrieren.

NOCHMAL: Das meiste passiert davon völlig unbewusst! Tipps wie: ,,Nun such die halt einfach mal einen anständigen Mann“ bringen daher nicht viel. Rational ist uns bewusst was besser laufen könnte, aber da wir die Ursache hinter all dessen nicht verstehen, können wir auch nichts verändern.

Formen der Reinszenierung

Beispiel 1: Gefahrvolle Situationen

Zum Beispiel neige ich dazu, mich in durchaus gefährliche Situationen mit fremden Männern zu begeben. Ich stoße in sehr merkwürdige Gruppen dazu und ich provoziere. Extrem. Nie böswillig, aber ich tue es. Alles andere wäre gelogen. Ich merke das, kann es aber nicht stoppen. Oder ich tue sehr unüberlegte Sachen. Meist ging das gut aus (=mehr Glück als Verstand). Allerdings gab es eben auch Fälle, wo es nicht so gut ausging. Wo es zu Übergriffen kam, verschiedenster Art. Gewollt oder bewusst provoziert habe ich davon jedoch nie etwas.

Dennoch, wenn ich das heute versuche zu reflektieren: Wenn ich mich in diese Situationen begeben habe, hoffte ich, dachte ich, dass diese Leute anders sind. Sie nichts mit mir anstellen und mich einfach nur lieb haben. So wie ich bin. Egal wie ich bin. Ich wollte das Gefühl haben okay zu sein. Natürlich war das meistens nicht der Fall, da ich mich in einem sehr toxischen Umfeld befand. Aber mein unbewusster (!) Wunsch, dass ich angenommen und nicht benutzt werde, stand im Vordergrund und der war (ist?) so stark, dass ich alles andere ignorierte.

Beispiel 2: Beziehungsstrukturen (Bindungstrauma)

Meine Mutter war ein sehr narzisstischer Typ Mensch, genau so wie er im Buche steht. Die Welt drehte sich um sie. Als ich ein Baby war, hat mir meine Oma einmal erzählt, war sie unheimlich versessen auf mich. Kaum einer durfte mich überhaupt halten oder gar sehen. Ich war ihr Püppchen. Bis zu ca. 1 Jahr, hielt sie mich quasi „unter Verschluss“. Dann verlor sie die Lust. Sowas war üblich für meine Mutter. Danach empfand sie mich zunehmends als störend. Sie fing an einen richtigen Hass und Ekel auf mich zu richten und ließ mich diesen auch deutlich spüren.

In meinem Erwachsenenleben geriet ich nun immer wieder in Beziehungsmuster zu Menschen, die mich am Anfang unheimlich toll fanden. In den Himmel lobten und, lustigerweise, nach kurzer Zeit das Interesse verloren. Aber nicht nur das, sie fingen an mich abstoßend zu finden. Sie projizierten ihren ganzen Hass auf mich und ich habe noch NIE eine Erklärung bekommen, warum das eigentlich so ist bzw. war. Ich blieb stets lediglich zurück, mit dem schlechten Gefühl das ICH schlecht bin. Unausstehlich. Jemand, der alle anderen vertreibt. Den niemand will.

Das Ding ist, wenn ich das näher und ehrlich betrachte: Ich begebe mich immer wieder in Beziehungen (partnerschaftlich, wie aber auch freundschaftlich) zu Menschen, die ähnlich narzisstisch veranlagt sind. Da mein Selbstwert eigentlich noch nie wirklich weit oben war, stellt die schnelle Belobigung von diesen Menschen, das schnelle ‚geliebt-werden‘ etwas dar, nach dem ich mich regelrecht verzerre. Eine Beziehung ist stabiler wenn sie langsam aufgebaut wird, klar, aber wenn du nie wirklich echte Liebe erfahren hast, bist du wie ein Junkie auf Entzug. Du nimmst alles was dem gleich kommt und dessen Wirkung sofort einsetzt = Schnelle „Liebe“. Auch promiskuitives Verhalten spielt(e) da mit rein (bei mir zumindest früher).

Beispiel 3: Beziehungsstrukturen (benutzt werden)

Dieses Muster durschaute ich erst vor kurzem. Meine Therapeutin riet mir vll einfach mal eine Art „Familienaufstellung“ zu machen. Dabei schrieb ich zu jedem Familienmitglied auf, was mir gerade so dazu durch den Kopf ging. Wie ich die Beziehung empfand. Ohne etwas herunterzuspielen, aus der Sicht des anderen sehen zu wollen o.ä

Meinen Vater habe ich vergöttert. Wir saßen oft lange draußen am Lagerfeuer oder drinnen am Kamin und redeten meist die halbe bis ganze Nacht lang. Wir fuhren mit den Hunden spazieren, gingen gemeinsam einkaufen oder verschworen uns gegen meine Mutter (wenn er und sie Streit hatten). Tolle Erinnerungen, die ich auch heute noch behalten werde. Egal was war (und was vll noch war). Wir sprachen, seit ich winzig klein war, über Gott, Politik und Familiengeschichten. Wir philosophierten oftmals ewig darüber. Nun stelle man sich einen Knirps von 3 Jahren vor, der über Politik mitredet. Ich fand das super toll, als Kind. Ich fühlte mich wichtig. Als wichtigen Teil seines Lebens. Jedoch kann ich mich nicht daran erinnern, dass sich die Gespräche auch einmal ernsthaft um mich drehten. Um meine Gedanken und Wünsche und wenn, dann nur mit viel Spott von seitens meiner Eltern. Es gab auch nichts was ich ihm im Vertrauen hätte erzählen können. Alles wurde meiner Mutter erzählt und ja …

Im Gespräch mit meiner Therapeutin fiel mir dann auf: Mich seinen Gesprächen anzupassen, seinen Themen folgen, war damals als Kind, besser als gar kein Reden. Ein 3-Jähriges Kind interessiert sich aber nicht wirklich für Politik o.ä. Er jedoch hat mich schlicht einfach nur benutzt. Ich war sein Freund- und Partnerersatz.

Und dieses Muster verfolgte ich vor allem in meinen freundschaftlichen Beziehungen. Menschen, bei denen es ausschließlich um sie ging. Ich hatte da zu sein. Ihrer Befriedigung zu dienen. Sicher erhob ich auch mal das Wort, über mich. Nach spätestens 10min bekam ich jedoch meist gesagt, nun sei aber auch mal gut. Die Welt drehe sich nicht nur um mich. Oder für mich wichtige Themen wurden ganz fallen gelassen. Es wird einfach darüber geschwiegen oder nicht ernst genommen.

Reinszenierung im Kinderspiel

Ganz deutlich wird die Trauma-Reinszenierung bereits im kindlichen Spiel. Das normale kindliche Spielen ist flüssig, es ist leicht und unbeschwert und ja, auch traumatisierte Kinder spielen ganz viel, ganz normale Spiele! Die Trauma-Reinszenierung findet nicht permanent statt!

Wenn sie aber einsetzt, dann wird das kindliche Spiel sehr düster. Verhaltensweisen wiederholen sich zwanghaft und lassen sich kaum unterbrechen. Gerade wenn Kinder sexuelle Handlungen immer wieder nachspielen wird das sehr deutlich oder ein anders…

Beispiel: Eine alte Schulfreundin erzählte mir von einem Spiel bei ihr, zwischen uns. Wir spielten mit Stofftieren. Als ich dran war, starb meine Figur, was sie jetzt nicht so super fand [Generell sterben IMMER die Figuren, mit denen ich spiele. Zugegeben ist das bis heute oft so. Im Spiel mit der 4-Jährigen Tochter meiner Freundin musste ich mich letztens z.B extrem zusammenreißen, ihre süßen Bauernhof-Kühe und Pferde nicht qualvoll abnippeln zu lassen 🙈]. Sie fand das damals nicht so toll und wollte das Stofftier reanimieren. Tod war halt irgendwie ein doofes Spiel für Kinder in unserem Alter. Meine Stimmung änderte sich aber abrupt ins Düstere und Kalte: ,,Was tot ist, kann man nicht wiederbeleben! Das bleibt tot!„.

Etwas anderes ist z.B das ich fast schon manisch eine Hand oder Fuß von meinen Puppen und Spielfiguren entfernt habe. Blut spielte zudem eine extrem große Rolle. Ich malte immerzu alles rot an. Bei meinen Stofftieren (die ich liebte, schließlich passten sie nachts auf mich auf) war es jedoch so, dass ich sie dadurch versuchte immer wieder zu verarzten und zu retten. Ein sehr anderes düsteres Spiel war einmal, als wir noch ein Häuschen im Wald hatten. Ich zog meinen Puppen sämtliche Kleider aus, band sie so mit dem Kopf nach unten an die Bäume, rings ums Haus, und ließ sie da „als Strafe“ hängen. Oder meine Schwester hatte z.B einen großen Teddy in ihrem Spielzeit, den sie regelmäßig vergewaltigte. Wortwörtlich. Meine Eltern tauften ihn „liebevoll“ ihren „Fic*bär“.

Nein, sowas sind keine normalen Kinderspiele. Das Trauma muss darin nicht automatisch 1:1 wiedergegeben werden, aber irgendetwas stimmt da ganz sicher nicht zuhause.

Die Übertragung

Zum Beispiel denken wir unwillkommen zu sein oder das uns jemand nicht mag. Wir machen das an allerhand Dinge aus. Der Reaktion des anderen. Seinen Blicken. Einer zu langen Pause, bis die Antwort des Gegenüber kommt, usw. Dieses eigene Gefühl übertragen wir jetzt auf den anderen. Wir halten unsere Vermutung für die Realität. Nehmen wir z.B an, wir wären unwillkommen, dann verhalten wir uns distanziert, kühl, deprimiert, vll sogar ablehnend (nach dem Motto: ,,Angriff ist die beste Verteidigung„). Unser Gegenüber sieht die Situation jedoch ganz anders: Vll war er gestresst. Oder wegen etwas genervt, das ihm vorher durch den Kopf ging oder was er eben erlebt hat (einen Streit z.B). Nichts, was mit uns zu tun hat. Durch unsere Reaktion, hervorgehend aus unsere Angst/Befürchtung, provozieren wir jedoch nun genau die Reaktion, vor der wir ja eigentlich Angst haben und die wir vermeiden wollen.

Beispiel wieder: Ich reagiere unheimlich auf die Stimmungen anderer. Wird die Luft dick, warum auch immer, ist mein erster Gedanke: ,,DU hast etwas falsch gemacht! Du musst irgendetwas tun, um das wieder gerade zu biegen!“. Dann gibt es aber in mir diesen Teil, der darauf wirklich keine Lust mehr hat, es anderen Recht machen. Der nicht kapiert, warum er länger für die Launen anderer herhalten sollte. Also reagiert dieser Teil teilweise wirklich schon sehr pissig. Bevor sich dieser Teil erniedrigt (indem er sich anpasst), geht er lieber auf Abstand oder bricht den Kontakt ganz ab. Mein Gegenüber ist dadurch natürlich vor den Kopf gestoßen und denkt sich das gleiche, was ständig in mir rum geht: ,,Warum darf ich nicht auch mal schlecht drauf sein? Was soll das jetzt?! Gut, dann lass es halt!“

Ergo = Derjenige geht selbst auch auf Abstand. Was meine innere Überzeugung nicht richtig zu sein, etwas falsch gemacht zu haben, abgelehnt zu werden, wieder bestärkt: ,,Da, schon wieder! Siehste, alle hassen dich!“.

Der Crux bei allem

Die Frage, die ich mir dabei immer wieder stelle: ,,Wie schaffe ich es nur mir, aus der Fülle der Menschen und möglichen Situationen, immer wieder toxische herauszusuchen?“ Es ist ja nicht so, als würden sie ein klar sichtbares Schild vor sich her tragen, oder? Als würde ich aus 99 super Leuten, die eine giftige Schlange heraussuchen. Absichtlich…

Gehen wir nochmal auf das mit der schnellen Liebe ein: Auch Narzissten fehlt es chronisch an erlebter, erhaltener Liebe. An innerer Fülle. Das wonach ich mich sehne, geben sie sofort, weil sie ebenfalls das gleiche wollen. Man ergänzt sich also, auch wenn letztendlich die Ausprägungen unterschiedlich sind. Was dann wieder zu einer Menge gegenseitigem Leid führt (ja auch Narzissten leiden).

Es gibt sie also, diese Anzeichen. Anzeichen, die wir bewusst ignorieren oder sogar herunterspielen. Meist weil unser unbewusster Wunsch der Traumaauflösung, der Wunsch nach einem glücklichen Ende, uns alles andere ausblenden lässt. Umso mehr wir uns danach sehnen, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit in toxische Umstände zu geraten. Nach einer Studie von Diana Russel wurden z.B 60% der vergewaltigten Frauen, bereits im Kindesalter vom Vater oder anderen nahestehenden Personen missbraucht. Das Risiko wiederholt missbraucht zu werden, steigt bei bereits misshandelten Frauen (oder auch Männern, obwohl diese auch oft, nicht alle!, eher mit Aggression nach Außen reagieren) um mehr als das Doppelte!

Wir kennen diese (gefährlichen) Situationen ja bereits. Sie sind uns bekannt. Wir haben nie gelernt, dass wir auch Grenzen haben dürfen. Es existiert so gut wie kein Selbstschutz. Nein sagen? Du sagst nicht Nein als Kind! Das darfst du dir gar nicht erlauben. Dein physisches und psychisches Überleben hängt davon ab, zu gehorchen. Mitzuspielen.

Was können wir also heute tun? Wie das verändern?

Wir können es uns bewusst machen. Unsere Verhaltensweisen und Muster durchschauen. Sie erkenn- und erlebbar machen.

Je weniger uns etwas in uns bewusst ist, desto eher wird es auf die äußere Umgebung, auf Situationen und Personen übertragen. Wir können unsere Muster nicht verändern, wenn wir nicht wissen, warum sie so sind, wie sie sind.

,,Es ist, als würden wir versuchen uns von unserem eigenen Schatten zu lösen, indem wir immerzu nach vorn springen.“

So wahr und so treffend, dieses Zitat. Erst wenn uns unser Verhalten bewusst wird und es nicht mehr nur wie ein Automatismus im Hintergrund abläuft, können wir beginnen neue Strukturen aufzubauen.

Das Verstehen dieser Strukturen löst nicht unser Problem jetzt, sofort und auf der Stelle. Das ist, nach dem Erkennen, ein langer Weg. Aber nur wenn wir sie eben erstmal verstehen können, können wir auch sehen, welcher Schmerz, welches Thema dahinter liegt. Welcher Schmerz aufgelöst werden möchte. Dadurch erforschen wir auch unsere eigenen Grenzen näher und lernen sie so, langsam, auch für uns zu vertreten. Das Erkennen unserer eigenen Innenwelt hilft uns also, neue Muster aufzubauen und selbst-bewusster zu handeln. Nicht mehr nur Opfer zu sein.

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Drama Baby! 💃

,,Als ich mich heute an diesem Papier schnitt, ich sage dir, dass hat so sehr geblutet. Ich hatte solch höllische Schmerzen dabei! Als würde mein Finger im ewigen Fegefeuer brennen. Dann hat sich das entzündet und eigentlich hätte mein Finger ja bestimmt amputiert werden müssen, aber ich habe das irgendwie durchgestanden. Das war so schrecklich! Nein hör bloß auf – Wie kannst du jetzt von deinem Krebs reden, wo ich dir sowas schlimmes von mir erzähle?! Bin ich dir nicht wichtig? Machst du dir überhaupt keine Sorgen um mich?! Ich kann es nicht fassen wie rücksichtslos du bist!“

Was sind die Merkmale einer Histrionischen Persönlichkeitsstörung?

Die Betroffenen zeigen nach DSM ein tiefgreifendes Muster übermäßiger Emotionalität oder ein ständiges Streben nach Aufmerksamkeit. Die Störung beginnt zudem im frühen Erwachsenenalter und das Verhalten zeigt sich in verschiedensten Lebenssituationen. Nach DSM müssen mindestens fünf der folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • Die Betroffenen fühlen sich in Situationen, in denen sie nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, unwohl.
  • In Kontakten zu anderen verhalten sie sich oft unangemessen sexuell-verführerisch oder provokant.
  • Sie zeigen einen rasch wechselnden, oberflächlichen Gefühlsausdruck.
  • Sie nutzen regelmäßig ihr Aussehen, um die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen.
  • Sie haben einen übertrieben nach Eindruck heischenden, wenig detaillierten Sprachstil.
  • Ihr Verhalten ist dadurch charakterisiert, dass sie ihre eigene Person dramatisieren, theatralisch sind und ihre Gefühle übertrieben ausdrücken.
  • Die Betroffenen sind suggestibel, das heißt, durch andere Personen oder Umstände leicht beeinflussbar.
  • Sie fassen zwischenmenschliche Beziehungen als enger auf, als sie es tatsächlich sind.

Nach ICD-10 können weitere Merkmale vorkommen, die aber für eine Diagnosestellung nicht unbedingt erforderlich sind. Dazu gehören

  • ein egozentrisches und selbstbezogenes Verhalten
  • das ständige Verlangen nach Anerkennung
  • eine fehlende Bezugnahme auf andere
  • eine leichte Verletzbarkeit
  • ständiges manipulatives Verhalten.

Wie entsteht eine histrionische PS?

Wie immer wird eine Zusammenspiel aus genetischen, wie äußerlichen Ursachen vermutet.

Was ich daran sehr interessant finde ist, wie wir Menschen bzw. unsere Psyche so total unterschiedlich reagiert- Der eine entwickelt eine emotional-instabile PS, der andere eine narzisstische PS usw. und natürlich sind all diese Störungen später, sowohl für die Betroffenen wie aber auch für die Angehörigen, sehr problematisch. Das Faszinierende dabei ist jedoch, dass unsere Psyche ganz individuell, d.h mit der für die jeweilige Person einzig passende Art, auf ein bestehendes Problem reagiert.

Gerade bei Persönlichkeitsstörungen können wir z.B auch sehr gut das Umkehrprinzip anwenden – Wenn ein Mensch, wie im Falle des Histrioniker`s, sehr viel Aufmerksamkeit, also den Mittelpunkt braucht. Wenn er stark dramatisiert, um auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen (,,Hier bin ich! Hier! Sieh mich an!“) – Ja dann können mir uns doch fast vorstellen, wie es früher zuhause wohl ausgesehen haben mag.

Gerade wenn die Eltern vll sehr abweisend und wenig Emotionen im Spiel waren. Wenn sich das Kind nicht geliebt, gesehen und sicher gefühlt hat. Ich meine, wie sollst du denn so auch anders reagieren als Kind, als zu lernen dir dann die Aufmerksamkeit durch Zwang zu nehmen (siehe Manipulation, Drama, künstliche Krisen, Selbstbezogenheit, ect) ?

Die kognitive Verhaltenstherapie geht z.B auch davon aus, dass gerade dieses starke emotionale Verhalten und dieses ‚Um-sich-selbst-drehen‘ dazu führt, dass die Betroffenen weniger objektives Faktenwissen aufbauen oder auch eine konkrete Erinnerung beibehalten zu können (wie z.B auch: ,,Ist die neue Kellnerin wirklich meine neue beste Freundin oder war sie einfach nur nett und ich habe das überbewertet?“). Damit wäre auch die leichte Beeinflussbarkeit und die oberflächliche Denk- und Sprechweise zu erklären. Durch das niedrige Selbstwertgefühl neigen sie zudem wahrscheinlich auch schneller dazu, das Gefühl zu haben, dass sie andere brauchen um sich besser zu fühlen (was ja eigentlich auch den meisten Menschen so geht).

Betroffen sollen ungefähr 2-3% der Bevölkerung sein.

Behandlungsansätze

Viele Betroffene leiden oft zusätzlich unter Depressionen, psychosomatischen oder auch dissoziativen Beschwerden und suchen deshalb meist sogar von selbst einen Psychotherapeuten oder Psychiater auf.

Ich denke, wichtig ist da das die Betroffenen lernen tiefer in ihre Gefühle und ihr Erleben einzusteigen und diese Bedürfnisse dann auch adäquat zu äußern. Gerade dieses ganze Drama wird ja nur verwendet, weil die Gefühlswelt sich eben so oberflächlich abspielt und vielen vll auch einfach gar nicht klar ist, was sie wirklich fühlen und warum sie sich benehmen, wie sie es tun.
Und, wie bei allen Persönlichkeitsstörungen, ist es natürlich wichtig das sie lernen ihren Selbstwert aufzubauen. Das es eben nicht die anderen sind, die sie brauchen.

Was gibt’s noch zu sagen?

Oft finden sich Histrioniker in Schauspielberufen wieder, aber z.B auch bei vielen Dragqueens. Definitiv sage ich dazu, das es viele Dragqueens gibt, die das tatsächlich der Kunst wegen machen! Aber es finden sich eben auch Histrioniker darunter.

Und soviel Verständnis ich dafür auch habe, setzen mir gerade die egozentrischen Persönlichkeitsstile stark zu. Auch meine Oma tendiert z.B sehr stark in diese Richtung, obwohl ich eine histrionische Persönlichkeitsstörung direkt vll eher mal ausschließen möchte.
Meine Oma hat aber IMMER alles was du hast und zwar doppelt so stark.

Beispiel:
Ich saß am Tisch und mir fiel auf das ich einen riesigen blauen Fleck am Oberschenkel hatte und da ich gar nicht wusste wo der her kam, schaute ich darauf und sagte etwas irritiert: ,,Wo kommst du denn her?“ – Ihre Reaktion (obwohl ich auf sowas eigentlich nicht mal eine Reaktion erwarte): ,,Also ich hab ja auch wieder Thrombosen im Bein und ach das tut ja weh“ –> und schon drehte sich das Gespräch wieder um sie.
Oder sie ruft an und ich höre mich etwas zerknautscht an. Sie fragt warum und ich sage ihr das ich einfach nicht sehr gut geschlafen habe – ,,Also ich hab auch ganz furchtbar geschlafen! Ich musste mehrmals die Nacht aufstehen und dann ging es mir so schlecht dabei und dann hatte ich wieder dieses Vorhofflimmern. Die ganze Nacht ging das„….usw.

Egal wer etwas über sich erzählt, eine kurze, belanglose Anmerkung reicht und schwupp: Das Gespräch liegt wieder auf Ihrem Leiden und dies wird dann endlos durchgekaut.
Und das erträgt man eine Zeit, aber auf Dauer schlaucht das einfach nur.

Meine Oma denkt auch an andere, so ist es nicht, aber wenn es um Gefühle und emotionale Bedürfnisse geht dann ist sie sehr stark egozentrisch und sowas saugt dir eben viel Energie ab.

Auch tiefergreifende Gespräche sind einfach nicht möglich. Sie kann sich darauf nicht einlassen und das, was so ein Mensch in seiner Kindheit wohl an Einsamkeit gespürt hat (weshalb er nun eben immer im Mittelpunkt stehen möchte), gibt er so, als Erwachsener, an seine Umgebung weiter.
In ihrer Gegenwart fühle ich mich extrem einsam und allein und das obwohl ich gleichzeitig auch meine schönsten Kindheitserinnerungen mit ihr verbinde.

Ich finde das ist nicht Sinn der Sache – Wir sollten nicht weitergeben was wir selbst erfahren haben. Natürlich passiert sowas nur sehr selten bewusst (und das ist auch KEIN Vorwurf!), trotzdem müssen wir irgendwas tun – So kann es doch auf dieser Welt nicht mehr weitergehen 😒

Gaslighting – Was ist das?

Gaslighting ist eine sehr schwere Form der psychischen Gewalt, wobei der Täter, durch Macht und Kontrolle, sein Opfer soweit manipuliert, dass dieses seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr glaubt und beginnt die Wahrnehmung des Täters anzunehmen.

Soweit so gut, schauen wir uns das ganze aber einmal näher an:

Wer übt Gaslighting aus?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt:

Gaslighting (oder, ,,emotionale Manipulation“) wird nicht nur von Narzissten oder psychopathischen Menschen genutzt, auch Menschen ohne diese Merkmale können es anwenden. D. h wenn du feststellst das dein Partner, deine Mutter, dein Chef, … solche Verhaltensweisen an den Tag legt, dann muss er/sie deshalb nicht gleich ein Narzisst o.ä sein.

Gaslighting wird, wider erwarten, nämlich meist gar nicht so bewusst benutzt, sondern geschieht oft ohne das derjenige direkt eine bewusste Manipulation geplant hatte (was es aber auch nicht wirklich besser macht – Selbstreflexion könnte da helfen). Hauptsächlich wird Gaslighting verwendet, wenn ein Mensch sehr viel Kontrolle braucht. Diese versucht er dann auch, mit aller Macht, über andere Menschen ausüben.

Die 3 Phasen des Gaslighting

Phase 1.) Die Anfangsphase – es passiert nur hin und wieder

Deine Standardreaktion: ,,Wovon redest du überhaupt?

Beispiel: Du unterhälst dich nur mit jemand des anderen Geschlechts. Dein Partner ist rasend eifersüchtig und der Meinung du hättest hemmungslos geflirtet. Ein Nicht-Gaslighter würde nun vll sagen ,,Na gut, ICH habe ein Problem mit meiner Eifersucht, wahrscheinlich wollte er/sie mich mit seinem/ihrem Verhalten aber gar nicht verletzen.“

Der Gaslighter dagegen kommt jedoch gar auf die Idee, dass es eigentlich um seine Eifersucht, Unsicherheit und Paranoia geht. Er wird der Meinung sein, dass ER unter deinem Verhalten leidet und daran ist nur einer Schuld: DU! Du bist schuld, weil du in Wirklichkeit auf seine Gefühle scheißt. In Wahrheit willst ihn nur verletzen und machst das doch absichtlich! Aber es reicht nicht das er deine Boshaftigkeit nur erkannt hat, nein er wird auch noch alles dafür tun das du ihm auch zustimmst, wie boshaft du bist (Kontrolle). Stimmst du ihm nicht zu, dann reagiert er strafend mit stundenlangen Beleidigungen, Drohungen, Beschimpfungen, Brüllen, Schweigen oder anderen Formen der Gewalt.

Eine tatsächlich logische Reaktion darauf ist sich zu rechtfertigen: ,,Schatz, ich habe mit ihm/ihr nicht geflirtet. Wir haben uns nur ganz normal unterhalten. Wie kommst du nur darauf das ich dich absichtlich verletzen will?!“ –> Ein Nicht-Gaslighter würde jetzt vll sagen ,,Okay, ich glaube dir. Es tut mir leid, meine Eifersucht geht manchmal mit mir durch. Ich versuche das besser in den Griff zu bekommen.

Beim Gaslighter sieht das anders aus. DU hast etwas falsch gemacht und DU musst das genauso sehen wie er. Wenn du es nicht so siehst und ihm nicht zustimmst, dann bist du in Wirklichkeit noch boshafter als angenommen. Dann willst du ihn scheinbar noch mehr leiden sehen. Wie kannst du ihn/sie nur anlügen?! Perfide wird es dann wenn dir der Gaslighter plötzlich vorwirft DU würdest SEINE Wahrnehmung verdrehen wollen.

❗ In Phase 1 wunderst du dich also noch über den Gasl. Wenn er dich kritisiert, einschüchtert, dir etwas vorwirft, usw. sagst du: ,,Ach komm schon“ oder ,,Das stimmt doch nicht“ (Rechtfertigung)
–> Du hast noch immer deine eigene Perspektive und fragst dich ,,Was stimmt mit IHM nicht?“

Ein weiteres Beispiel:

Ich räumte immer morgens die Küche auf. Irgendwann behauptete mein Freund er müsse das jeden Tag tun, wenn er von der Arbeit kommt und ich würde überhaupt nichts machen. Ich wusste jedoch ganz genau das ICH das jeden Morgen mache. ICH mit MEINEN Händen und das die Küche sauber war, wenn er kam. Er war allerdings der festen Überzeugung das er alles machen musste und da gab es auch keinen Weg, kein Argument ihm zu versichern das ICH es doch eigentlich erledige. Ich war nicht nur faul und ließ ihn mit dem Haushalt allein, sondern log ihn auch noch frech an … Das war seine Sicht und davon ließ er nicht ab. Ich fing an jedesmal einen Strich auf einen Zettel zu machen, wenn ich die Küche sauber machte. Fotografierte die sie kurz bevor er kam. Weil nicht mehr wusste, ob er nicht vll doch recht hat und ich verrückt werde.

❗SEINE Wahrnehmung war die einzig richtige. Eine andere Wahrnehmung existiert für den Gaslighter nicht. Er denkt etwas von dir und dann ist das eben so und das wird solange wiederholt bis du zustimmst.
Und irgendwann fragst du dich dann…

Phase 2.) Was stimmt mit MIR nicht?

Gaslighting funktioniert nur wenn wir uns auch darauf einlassen, d.h zum Gaslighting gehören immer 2. (Was NICHTS mit selbst Schuld haben zu tun hat! Zudem spreche ich davon, wenn wir erwachsen sind, denn als Kind hast du keine Möglichkeit zu reagieren. Menschen die übrigens bereits in ihrer Kindheit Opfer von Gaslighting wurden, sind auch später viel anfällig dafür – Logisch, denn du durftest ja nie eine eigene Meinung entwickeln und behalten.)

Während wir in Phase 1 noch versuchen für unsere Meinung einzustehen und einen Kompromiss mit dem Gasl. zu finden, beginnen wir in Phase 2 nun immer mehr die Situation aus seiner Perspektive zu betrachten (,,Ich würde mich auch nicht gut fühlen an seiner Stelle. Ich kann ihn ja verstehen. Vll habe ich mich wirklich falsch verhalten.“ ) und versteht mich da nicht falsch. Dinge aus der Perspektive des anderen betrachten zu können, ist eine wichtige empathische Eigenschaft. Gefährlich wird es erst, wenn wir beginnen unsere eigene Perspektive dafür hintenanzustellen bzw. gar nicht mehr zu beachten.

Wir verstehen also unseren Gegenüber und da wir mit ihm in irgendeiner Art von Vertrauensbeziehung (wichtig☝sonst funktioniert das Gasl. nicht) stehen, wollen wir meist auch von ihm/ihr anerkannt werden. Wir wollen das derjenige uns als guter/tüchtiger/liebenswerter…. Mensch betrachtet, jedoch hat dieser ja ständig etwas auszusetzen.

Nun geben wir uns also umso mehr Mühe demjenigen gerecht zu werden, natürlich auch aus Angst vor der Ablehnung, dem Brüllen usw. das sonst folgt.

Wenn er/sie nun also findet das: ,,…Ich so spät zu Bett gehe, um ihn/sie damit zu ärgern, vll ist das dann auch so? Mich würde das ja auch stören und klar, ich will ihn/sie nicht bewusst ärgern, aber was ist wenn ich es unterbewusst doch irgendwie will und tue? Vll merke ich es ja nur nicht?
–> Hier fängt der Punkt an, wo man nicht mehr seine/ihre Wahrnehmung der Dinge in Frage stellt, sondern seine eigene. Man beginnt an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.

Und wenn du dir noch so sicher bist, dass es nicht stimmt was er/sie sagt: „Was ist wenn er/sie doch ein bisschen recht hat?“ – ,,Vll sehe ja doch ICH die Sache falsch und nicht er/sie?“ .

Der Gasl. will immer Recht haben und er wird versuchen dieses Recht mit aller Gewalt durchzusetzen. Entweder brüllt er dich in Grund und Boden oder er redet solange nicht mehr mit dir, bis du ihm zustimmst oder er beschimpft dich, erniedrigt dich, sagt dir immer wieder wie dumm du bist usw.
==> Er (der Gasl.) konditioniert dich darauf, zu denken wie er!

Du wirst versuchen diese übertriebenen Reaktionen zu vermeiden – du wirst dich anpassen. Wenn er/sie findet du flirtest mit jedem, dann versuchst du vll Gespräche mit Fremden zu vermeiden, um ihn/sie nicht zu verärgern und dem drohenden Streit aus dem Weg zu gehen. Oder du wirst perfektionistisch, um bloß keinen Fehler zu machen. Du möchtest ein Problem ansprechen oder möchtest vll wegfahren/ausgehen, aber du hast Angst vor seiner/ihrer Reaktion bzw weißt wie er/sie darüber denken wird, also lässt du es besser: ,,So wichtig war es ja eigentlich eh nicht“ …

➡️ Du gibst dich Stück für Stück immer mehr selbst auf. Seine Wahrnehmung wird langsam zu deiner Wahrnehmung (,,Er/sie hat schon recht, irgendwie flirte ich wirklich mit jedem. Scheinbar merke ich das gar nicht. Wie schlimm ich bin!“ oder ,,Vll bin ich wirklich so dumm wie er/sie sagt“ )

Phase 3.) Du übernimmst vollends die Wahrnehmung des Gaslighters

Während du in Phase 1 noch versuchst den Gasl. zu überzeugen das er unrecht hat, wächst der Drang nach Verschmelzung in Phase 2 schon immer mehr. Du versuchst es ihm/ihr immer öfter recht zu machen. In Phase 3 jedoch ist der Drang nach Verschmelzung am größten geworden, du willst nur noch endlich seine/ihre Anerkennung bzw Liebe.

Du wirst apathisch und hast weder Energie noch Lust dem Gasl. zu widersprechen (,,Wozu auch, er hat doch recht?“ ). Wenn er/sie sagt du bist dumm oder unnütz, dann wird das auch so sein.

Du hast dich so sehr angestrengt und trotzdem kannst du ihm/ihr nicht gerecht werden. Vor allem wenn derjenige schon von Anfang an völlig verklärt wurde (,,Der perfekte Mann!“ – ,,So eine aufopferungsvolle Mutter“ ➡️ in Eltern-Kind-Beziehung ist es übrigens normal, dass die Bezugspersonen in der Kindheit „verklärt“ wird. Ohne könnte das Kind nicht überleben) usw., bleibt die einzige Schlussfolgerung für das Opfer das nicht der Gasl. das Problem ist, sondern das Opfer selbst.
Er sagt die Dinge also nicht mehr nur, DU glaubst sie selbst.

–> Bsp.

Er/sie ist von etwas verletzt:

Phase 1 = Du rechtfertigst dich: ,,Ich hab das
nicht böse gemeint

Phase 2 = Du glaubst du könntest vll schuld
sein

Phase 3 = Du WEIßT, du bist schuld

Er sagt der Himmel ist grün, also glaubst DU der Himmel ist grün. Klar, du schaust hoch und er sieht blau aus, aber dann siehst DU eben falsch. Irgendwas stimmt mit DIR nicht. Der Gasl. kann nicht unrecht haben.

Der Gasl. hat recht und du unrecht, ist in der letzten Phase also die Einstellung – sowohl vom Opfer, wie auch vom Täter. Im Prinzip leidest du unter einer Art der Gehirnwäsche.

Gaslighting ist schwerer emotionaler Missbrauch und keine Lappalie, wie man nun merken kann. Und tatsächlich verläuft alles ganz schleichend. Die Folgen können nicht selten (schwere) Depressionen, Angstzustände, zerstörtes Selbstwertgefühl, (K)PTBS, psychosomatische Beschwerden, usw. sein.

Frauen oder Männer, die vorher mitten im Leben standen und erfolgreich waren, können nach so etwas nur noch ein Schatten ihrer selbst sein, also vorsichtig wer mit dem Finger auf andere zeigt und der Meinung ist, ihm könnte das niemals passieren

(Zum 2. Teil: ,,Gaslighting – Wie wir uns daraus befreien“ geht’s Hier)

Buchhinweis:

–> ,,Der Gaslight-Effekt“ von Dr. Robin Stern (sehr empfehlenswert!)