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Missbrauch erkennen (und helfen)

Des Öfteren erreichen mich Anfragen, wie man Missbrauch bei Kindern erkennen und was man, im Falle des Falles, als Außenstehender überhaupt tun kann. Missbrauch hat leider unglaublich viele Facetten und ist auch für nahestehende Personen nicht immer leicht zu erkennen. Bitte macht euch also nicht fertig, wenn so etwas in der nahen Umgebung passiert (ist) und ihr es nicht mitbekommen habt!

Es gibt Anzeichen, definitiv. Aber das Erkennen und danach auch erfolgreiche Einschreiten ist nicht immer ganz so einfach. Wir wollen heute also einmal darüber sprechen auf was man achten kann und welche Möglichkeiten der Hilfeleistung einem bleiben. Natürlich werde ich dem Thema –sexueller Missbrauch– eine besondere Aufmerksamkeit widmen, allerdings ist und bleibt Missbrauch Missbrauch. Wir werden also auch über emotionalen und physischen Missbrauch reden, zumal auch wirklich vieles in seinen Auswirkung haargenau gleich ist. Wir müssen aufhören Missbrauch in weniger oder mehr schlimm einzuteilen! Ich erwähnte schon einmal das nicht die sexuelle Gewalt für mich das Schlimmste war, sondern das emotionale und psychisch zugefügte Leid viel tiefer sitzt, als das was mit dem Körper angestellt wurde, oder?

Weiterführende Infos zum Thema emotionaler und sexueller Missbrauch findet ihr hier 👇:

Wer sind die Täter?

Es gibt keine klare Beschreibung eines Täters. Das ist das perfide und das müssen wir uns wirklich hinter die Ohren schreiben. Man sieht es den Tätern nicht an.

In den Medien und Filmen bekommen wir oft suggeriert, Täter wären auffällige, schräge Psychopathen alá Hannibal Lecter. In der Realität schaut es jedoch so aus, dass der nette Nachbar oder der aufmerksame Lehrer, der engagierte Trainer oder auch der immer zu einem Schwätzchen aufgelegte Haus- oder Kinderarzt genauso missbrauchen können, wie der alkoholabhängige, arbeitslose Typ im verdreckten Rippshirt. UND ☝ es sind vor allem nicht nur Männer! Auch Frauen missbrauchen! Nicht zu selten sogar.

Täter findet man zudem in JEDER Bevölkerungsschicht. In der armen Unterschicht genauso oft, wie in der reichen Oberschicht. Anwälte, Ärzte, Polizisten, Politiker, Schauspieler, Lehrer, Trainer, Babysitter, Busfahrer, Verkäufer, Putzkräfte, usw. Wir müssen uns aus dem Kopf schlagen, dass sowas nur eine „reiche Elite“ oder auf der anderen Seite nur irgendwelche verarmten Irren machen. Weiter wird gerade beim sexuellen Missbrauch von Kindern oft von Pädophilie gesprochen.

Allerdings ist es von Pädophilie bis zum tatsächlichen Missbrauch ein sehr weiter Weg. Und beides hängt nicht automatisch zusammen. Die meisten Täter sind noch nicht einmal pädophil, sondern missbrauchen aus dem Gefühl der Macht heraus. Schätzungen zufolge sind gerade einmal 40% der Täter wirklich pädophil. Wenn wir solche Taten nur auf pädophile Menschen begrenzen, tun wir erstens denen unrecht, die mit dieser Neigung geboren wurden, aber alles dafür tun sie niemals auszuleben. Und auf der anderen Seite ignorieren wir damit den großen Teil der anderen Täter. Die, die Pädosexualität ausüben, ohne sich tatsächlich zu Kindern hingezogen zu fühlen.

Strategien der Täter

Die ersten beiden Punkte beziehen sich vor allem auf sex. Missbrauch. Die letzten beiden jedoch auf alle Formen des Missbrauchs.

  • Vertrauen aufbauen: Im Großteil der Fälle werden sexuelle Übergriffe langfristig geplant. Täter werden sich meist zuerst das Vertrauen der Bezugspersonen/Umgebung und des Kindes selbst sichern. Sie treten also durchaus vertrauenswürdig, liebevoll, fürsorglich, aufmerksam und empathisch auf. Die Umgebung will den Missbrauch so nicht sehen/glauben und Kinder sind, durch die emotionale Abhängigkeit zum Täter, leichter manipulierbar. Bei einer engen Täter-Opfer-Bindung bleibt der Missbrauch meist viel länger unendeckt. Es ist also wichtig auf das Kind zu achten und nicht darauf ob derjenige wie ein Täter aussieht/wirkt oder nicht.
  • Gelegenheit schaffen: „Unbeabsichtigte“, intime Berührungen. Anzügliche Bemerkungen. Oder das Zeigen pornografischer Bilder und Videos, was wiederum für sexuelle Handlungen empfänglich und offen machen soll. Abschottung des Kindes (Isolation – auch „alle anderen sind böse„). Ausnutzen des kindlichen Spielwunsches oder des Bedürfnisses nach Nähe und Liebe. Verharmlosen von Missbrauch (generell) als Autoritätsperson. Manche greifen aber auch als Bekannte (z.B der Familie) oder Fremde plötzlich/überraschend an, wenn sie mit dem Opfer alleine sind.
  • Schweigen sichern: Das Opfer wird z.B unter Druck gesetzt oder bedroht: ,,Wenn du was erzählst, dann bricht die Familie auseinander. – Dann gehe ich ins Gefängnis und das willst du doch nicht? – Dir wird sowieso keiner glauben, schließlich wolltest du es doch/ hast mich verführt/hast doch mitgemacht/es provoziert (das fällt besonders oft, wenn das Bedürfnis nach Nähe ausgenutzt wurde). – Wenn du etwas erzählst, dann passiert jemand den du liebst etwas ganz schlimmes (z.B Haustiere, Geschwister, usw.). – Wenn jemand erfährt was für eine kleine Schlampe/Hure/etc. du bist, wird dich keiner mehr mögen. – usw. “ . Aber es kann auch zu körperlicher Gewalt kommen.
  • Unglaubwürdig machen: Sobald das Opfer doch ansatzweise über den Missbrauch spricht oder Erwachsene Verdacht schöpfen, wird das Opfer lächerlich oder unglaubwürdig gemacht: ,,Er/sie hat so eine rege Fantasie. – Das hat er/sie im Fernsehen gesehen/gehört. – Er/sie lügt in letzter Zeit ständig. – Er/sie tut einfach alles für Aufmerksamkeit. – Er/sie erzählt und macht ständig Sachen um mir zu Schaden. – Er/sie ist so überempfindlich. Das war doch nur Spaß/ein Klaps/ein lustiges Spiel, usw.

Mögliche Anzeichen von Missbrauch

Anzeichen die bei jeder Form des Missbrauchs (emotional/physisch / sexuell) auftreten können:

  • Psychosomatische Beschwerden: Unterdrückte und ungehörte Gefühle und Emotionen äußern sich irgendwann über den Körper. Typisch sind meist (chronische) Bauchschmerzen oder Magen-Darm Beschwerden. Kopfschmerzen oder Hautkrankheiten. Auch die vermehrte Anfälligkeit für Krankheiten (da das Immunsystem durch den psychischen Stress lahmgelegt ist). Plötzliches Stottern oder Schweigsamkeit (Mutismus). (Chronische) Blasenentzündungen, etc.
  • Emotionale Veränderungen: Sozialer Rückzug (still und verschlossen sein/werden, Kontaktschwierigkeiten oder -abbrüche) oder umgedreht plötzliches soziales „aufgedreht sein“ (z.B im Teenageralter). Starke Stimmungsschwankungen, u.a auch Wutausbrüche/Aggressionen/Reizbarkeit oder plötzliche Weinattacken. Auch extremes Ausüben von Kontrolle/Macht. Schuldgefühle. Negatives Selbstbild. „Opferverhalten“. Vertrauensprobleme/starkes Misstrauen.
  • Seelische Veränderungen/averbale Signale: Aufälige Ängste, plötzliche Tics/Spasmen, Zwänge, Depressionen. Schlafstörungen wie häufige Alpträume, Nachtschweiß, häufiges Aufwachen oder Einschlafprobleme. Selbstverletzungen (z.B Ritzen, Nägelkauen, Haare ausreißen, usw.) oder Selbstmordgedanken/-handlungen. Süchte. Auch Essstörungen, Konzentrationsprobleme, chronische Erschöpfung oder Drogenkonsum. Plötzlicher schulischer Leistungseinbruch oder aber auch -steigerung. Regressives Verhalten (Daumenlutschen, Einnässen, usw.). Stehlen, Brandstiftung, Tiere quälen. Weglaufen von Zuhause und aber auch vermehrtes Lügen. Malen untypischer oder düsterer Bilder. Erhöhtes Sicherheitsbedürfnis oder auffälliger Rückzug in Fantasiewelten. Ungewöhnliches Hygieneverhalten (ungepflegtes Äußeres oder übertriebenes/zwanghaftes Hygienebedürfnis). Meiden bestimmter Orte oder Personen/Personentypen. Zwanghafte Kinderspiele (Wiederholen des Traumas, siehe auch Hier).

Bei physischem und/oder sexuellen Missbrauch kann hinzukommen:

  • Körperliche Auffälligkeiten: Quetschungen (auch innere Blutungen), Brüche (Arme, Rippen, usw.), Verbrennungen, Stiche, Schnitte. Hämatome vor allem an den Oberschenkeln, im Rippenbereich, Unterarme (durch festhalten z.B) und im Genitalbereich. Besonders Blutungen im Genital- und Rektalbereich (auch Urin) sollten besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch wenn sich dort Bisse, ungewöhnliche Dehnungen, starker Juckreiz oder andere Verletzungen (und Schmerzen) vorfinden. Probleme und Schmerzen beim sitzen oder gehen. Geschlechtskrankheiten oder auch Schwangerschaften (die oft durch weite Kleidung oder vermehrtes Essen versucht werden zu verstecken). Gerade was das betrifft: Wir müssen aufhören andere als Schlampe etc. zu verurteilen. Wir wissen nie was wirklich dahinter steckt!
  • Sexualisiertes Verhalten: Stark sexualisiertes und dem Alter unangemessenes Verhalten (auserhalb der normalen Neugierde). Normale Doktorspiele fallen da z.B nicht mit rein. Übermäßige (vllt. sogar öffentliche) Mastrubation z.B. oder das stimulieren anderer Geschlechtsteile fiele da eher darunter. Das Wiederholen des Missbrauchs z.B mit Puppen (die Puppen untereinander oder das Kind „missbraucht“ die Puppe oder sogar andere Kinder), etc. Berühren, Reiben an den Geschlechtsteilen Erwachsener oder versuchen diese zu stimulieren. Das zur Schaustellen der eignen Genitalien. Übermäßige Gedanken/Beschäftigung mit dem Thema Sex in bereits seeehr jungen Alter (drüber reden, Pornografie, untypisches Wissen, …). Basteln von Figuren oder Anfertigen von Zeichnung mit expliziten Inhalten (Penise, Brüste, Vagina, nackten Körpern, vom Akt selbst, usw.). Oder aber auch verschachtelt, wie z.B viele Hände. Blut. Monster am Bett. Viele düstere Farben, usw. Im Teenageralter kann es vor allem auch nicht selten zu sehr promiskuitiven Verhalten kommen bis hin sogar zur „freiwilligen“ Prostitution.

Wie reagiere ich, wenn ich solches Verhalten entdecke?

Ganz wichtig ist!: All das da oben KÖNNEN Verhaltensweisen sein, die auf Missbrauch hinweisen. Müssen aber nicht! Es gibt keine definitiven Symptome, die darauf schließen lassen. Zudem, wenn z.B bereits eine dissoziative Störung vorliegt, kann es für Außenstehende teilweise fast unmöglich werden Missbrauch tatsächlich zu erkennen. Generell lässt sich aber sagen das jede Verhaltensauffälligkeit oder -veränderung des Kindes beobachtet werden sollte. Und dann:

  • Bewahrt bitte Ruhe und beobachtet das Kind erst einmal ganz aufmerksam weiter. Unüberlegte und überstürzte Handlungen können nämlich eher zu einer Verschlimmerung der Lage führen. Als Beispiel könnte dem Vater überstürzt Missbrauch unterstellt werden und das Kind kommt zur Mutter oder den Großeltern. Während diese in Wirklichkeit die wahren Täter sind. Oder es schadet anderweitig dem Kind, siehe unten
  • Sprecht bitte das Kind an und niemals zuerst die Eltern/Bezugspersonen! Denn wenn sie tatsächlich Täter sind, werden sie logischerweise nicht die Wahrheit sagen. Zudem besteht dann wirklich erhöhte Gefahr, dass das Kind bestraft wird. Missbrauch soll geheim bleiben und es reicht vollkommen, wenn das Kind Außenstehende nur ansatzweise auf die Idee bringt, da könnte was sein. Strafen können von Essenentzug über schwere körperliche/sexuelle Misshandlungen zu sogar schlimmen Gewalttaten gegenüber der (vom Kind) geliebten Mutter, Geschwistern, Haustieren (foltern oder töten vor den Augen des Kindes z.B.), etc. führen. Sprecht direkt mit dem Kind. Aber keine direkten oder suggestiven Fragen. Wenn ihr fragt ob das Kind missbraucht wird, weiß es entweder gar nichts mit diesem Begriff anzufangen oder versucht den Täter zu schützen. Fragt eher immer wieder nach wie sich das Kind fühlt. Ob es jemand (oder besser etwas) gibt, das Dinge tut was es nicht möchte oder ihm wehtut, usw.

Was kann ich noch tun?

  • Drängt Betroffene zu Nichts! Missbrauch welcher Art auch immer nimmt dir jegliche Kontrolle und Selbstbestimmung. Wenn Helfer jetzt weiter die Selbstbestimmung nehmen, indem z.B zum drüber reden gedrängt wird. Oder Anzeige zu erstatten, usw., dann hält dass das Gefühl der Ohnmacht weiter aufrecht. Seid für Betroffene da (alleine schaffen sie das nicht) und erklärt ihnen auch was man tun kann, aber lasst sie bestimmen wann, was, wie. Vertrauen und Sicherheit sind extrem wichtig.
  • Glaubt den Kindern! Wenn ein Kind sagt Papa oder der Onkel stecken ihnen komische Sachen in den Bauch oder tun ihm weh, dann nehmt das ernst!
  • Erklärt dem Kind, dass es KEINERLEI Schuld trifft. Egal wie es sich verhalten hat oder was ihm erzählt wurde. Macht bitte auch keine Schuldzuweisungen (,,Warum hast du denn nie etwas gesagt?“ ). Die Verantwortung für jeglichen Missbrauch liegt IMMER beim Täter. Und macht euch auch selbst keine Vorwürfe, dass bringt niemand etwas. Nutzt diese Energie lieber um eine Veränderung herbeizuführen.
  • Selbst wenn ihr nichts gegen weiteren Missbrauch tun könnt, seid für das Kind da! Die Auswirkungen von Missbrauch (jeglicher Art) werden umso schlimmer, umso weniger Bezugspersonen (die Sicherheit, Liebe und Akzeptanz vermitteln) das Kind hat. In sehr vielen Fällen entwickelte sich z.B bei Betroffenen mit fast identischen Traumahintergrund eher eine Dis, wenn keinerlei sichere Bezugsperson vorhanden war. Dort wo mindestens eine echte Bezugsperson vorhanden war, wirkten sich die Symptome des Traumas später weit geringer aus. Immer noch extrem schlimm, natürlich. Aber das Kind hatte so die Möglichkeit zumindest eine gewisse Form von Resilienz aufzubauen. Leider finde ich diese blöde Studie dazu nicht mehr, sonst hätte ich wenigstens noch ein paar Zahlen dazu parat 😅. Ist aber auch Wurst, so oder so: Auch wenn ihr wirklich nichts an der Situation verändern könnt, solange ihr für das Kind da seid ist das 50.000x besser, als wenn es ganz allein mit allem zurecht kommen muss.
  • Und noch ganz wichtig: Achtet bitte auch auf euch und eure eigene Gesundheit! Nehmt Beratungs- oder therapeutische Hilfe in Anspruch. Redet auch als Helfer mit jemand. Das ist extrem wichtig. Wenn ihr zum psychischen Frack werdet, habt ihr damit niemand geholfen! (Damit meine ich allerdings nicht: ,,Das belastet mich total, also nehme ich lieber Abstand/ignoriere es und überlass das Kind mal seinem Schicksal. !!)

Soll ich die Polizei oder das Jugendamt einschalten?

Pro : Eine Anzeige um potenziellen weiteren Missbrauch zu verhindern und für das Opfer Gerechtigkeit zu erzielen ist enorm wichtig und oft auch sehr sinnvoll! Wenn nichts passiert, geht der/die Täter ungestraft aus und kann unbehelligt weiter machen. Auch ist eine Anzeige wichtig, um bspw. Opferhilfe zu erhalten. Weiter ist es oft schwierig, ein Kind aus einer missbräuchlichen Familie zu befreien, solange der Missbrauch nicht rechtskräftig oder zumindest von öffentlicher Stelle (z.B Jugendamt, etc.) bestätigt/nachgewiesen wurde.

⛔Contra: Denkt darüber vorher bitte genau und ausführlich nach.

  • Die Aussage bei der Polizei kann für das Opfer sehr schlimm sein. Ganz zu Schweigen davon, wenn es in einer Gerichtsverhandlung noch einmal befragt wird oder dieser sogar beiwohnen muss. Macht nichts ohne Absprache mit den Betroffenen!
  • Und dann stellt sicher, ob ihr der Polizei und/oder dem Jugendamt trauen könnt. Hört sich erstmal nach Verschwörungsblabla an, allerdings könnte tatsächlich die Möglichkeit bestehen, dass bspw. ein Polizist ein enger Freund des Täters ist. Auch ist es z.B im Bereich der organisierten Gewalt nicht gerade unüblich, dass involvierte Täter u.a. auch bei der Polizei sitzen. Logischerweise um mögliche Indizien oder Anzeigen gar nicht weiter zu verfolgen, zu verfälschen, Bericht zu erstatten sobald das Opfer redet, usw. Zum Kreis der Teilnehmer „besonderer Veranstaltungen“ meines (…) gehörten z.B ein hochrangiger Polizist, Richter und Amtsarzt … Die Komplikationen solch einer Anzeige dürften erkennbar sein. Und auch das Jugendamt kann schwierig werden, wenn persönliche Beziehungen/Freundschaften mit den Tätern gepflegt werden. Manchmal reicht es bereits aus, dass diese den Täter(n) Nahe stehen und deshalb von dessen Unschuld überzeugt sind. ➡ Geht die Sache bei Institutionen vorsichtig an. Teilt Informationen langsam und mit Bedacht mit und achtet besonders darauf, wie das Gegenüber reagiert. Sobald relativiert wird oder sogar eine Art von Täter-Opfer-Umkehr stattfindet, werdet hellhörig! Achtet auch darauf ob das Kind sich danach schlagartig verändert. Plötzlich alles abstreitet. Die Täter extrem in Schutz nimmt. Frische Blessuren hat, etc. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die zu Rate gezogene Institution möglicherweise (!) entgegen der Sicherheit des Opfers handelt. Nehmt dann von dieser evtl. Abstand, sucht neue Wege um Hilfe leisten zu können und glaubt bitte weiterhin dem Opfer!

Beratungsstellen:

  • Jugendamt
  • Kirchliche Beratungsstellen
  • Erziehungsberatungsstellen
  • Psychologische Beratungsstellen (z.B der Sozialpsychiatrische Dienst)
  • Gesundheitsdienste
  • Opferhilfeeinrichtungen
  • Kinderkliniken/-ärzte

Finanzielle Hilfen: Fonds für sexuelle Gewalt

Vor einiger Zeit wies mich meine Therapeutin noch einmal darauf hin, nun vll doch endlich einmal einen Antrag beim Fonds für sexuelle Gewalt zu stellen. Da ich deshalb also damit konfrontiert war, mich doch endlich mal damit auseinanderzusetzen, möchte ich euch heute erzählen was es da für Hilfsmöglichkeiten gibt und wie ihr das alles am besten anfangt.

Fonds für sexuelle Gewalt

Der Fonds ist eine richtig tolle Sache. Wer sexuelle Gewalt im familiären Bereich oder durch nahestehende Aufsichtspersonen (aus dem familiären Umfeld) erlitten hat, kann daraus bis zu 10.000 € schöpfen. Dazu stehen dem Fonds bundesweit bis zu 62 Mio. Euro zur Verfügung.

Die aktuelle Bearbeitungszeit dauert, nach Angaben des Fonds für sexuelle Gewalt und nach neusten Reglungen nur 3 – 4 Monate. Mein Antrag wurde nach ca. 2 Monaten genehmigt.

Wer kann Gelder aus dem Fonds beantragen?

Alle die zur Tatzeit minderjährig und auf deutschem Boden gemeldet waren. Zudem muss die Tat zwischen dem 23. Mai 1949 (Gründung der BRD) bzw. dem 7. Oktober 1949 (Gründung der DDR) und vor dem 30. Juni 2013 (Inkrafttreten des Gesetzes zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellen Missbrauchs – StORMG) begangen wurden sein.

Das Opfer muss zudem in irgendeinem nahen Verhältnis zum Täter gestanden haben. Darunter fallen die (Stief-)Eltern, Großeltern, Onkel, Tante, (Stief-)Geschwister, enge Freunde der Familie, Babysitter, Aufsichtspersonen, usw.

Ergänzendes Hilfesystem für Opfer sexueller Gewalt im institutionellen Bereich

Hierrunter fallen alle öffentlichen und privaten Einrichtungen, Träger und Vereinigungen denen Minderjährige, dauerhaft oder vorübergehend, zum Zeitpunkt des Missbrauchs, anvertraut waren (z.B Vereine, Sozialverbände, Kirchen, usw.).

Zu beachten gilt dabei eigentlich nur, dass bei diesem Antrag lediglich eine Empfehlung vom Fonds an die entsprechende Institution geht und die Gelder dann auch von dieser Institution bezahlt werden. Diese kann daher selbstständig, unabhängig der Empfehlung, entscheiden ob sie dem Antrag zustimmt oder nicht.

Welche Leistungen kann man beantragen?

Es sind bis zu 10.000 € in Form von Sachleistungen möglich. Menschen mit Behinderung können zudem einen Mehraufwand von bis zu 5000 € zusätzlich beantragen, sofern dieser notwendig ist (z.B durch Assistenz, erhöhte Mobilitätskosten, usw.). Bargeld wird allerdings nicht ausgezahlt, ebenso lassen sich keine Schulden davon tilgen.

Beantragen kann man dafür aber:

  • Weitere Psychotherapiestunden (die nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden)
  • Komplementär- und Fachtherapien (zum Beispiel Kunsttherapie, Maltherapie, Reittherapie, Tanztherapie, Musiktherapie, Körpertherapie, usw.)
  • Fahrkosten zu den Therapien, zum Ort des Missbrauchs (zur individuellen Aufarbeitung), Beratungsstellen, …
  • Aufarbeitung im Rahmen von Selbsthilfeorganisationen
  • Hilfe bei Heil- und Hilfsmitteln (z.B Physiotherapie, Ergotherapie, Bäder, Massagen, Zahnbehandlung, Rollstuhl, etc.)
  • Individuelle Unterstützung, z.B im Haushalt, Begleitung zu Gerichtsterminen, Betreuung, usw.
  • Unterstützung beim Nachholen eines Schulabschlusses, einer Fachausbildung, der Aufnahme eines Studiums oder was sonst in den Bildungstechnischen Rahmen fällt – Mir wurde z.B die Übernahme der Kosten für den Führerschein genehmigt
  • Individuelle Unterstützungen (im Härtefall), wie z.B einen Assistenzhund, Wohnung und Möbel (bspw. bei Obdachlosigkeit o.ä), Sachen die den Mobilitätsbereich betreffen, usw.

Wichtig ist dabei eigentlich nur, dass die beantragte Leistung in einem Zusammenhang mit den Folgen des Missbrauchs steht. Ich hab z.B Massagen mit angegeben, wegen der dauerhaften Anspannung in meinem Körper. Auch sämtliche anfallende Kosten für einen Sport können da übernommen werden. Bei mir z.B Wing Tsun (ein Selbstverteidigungssport).

Aber auch wenn Hilfeleistungen aus dem bestehenden Sozialrechtssystem unangemessen verzögert werden, kann der Fonds in Vorleistung treten. Voraussetzung ist, dass eine Übernahme der Kosten durch den betroffenen Kostenträger erwartet wird.

Die Antragsstellung

Antrag familiärer / institutioneller Bereich: Link

Die Anträge haben jeweils um die 20 Seiten. Ihr braucht keine Täternamen angeben, müsst keine Anzeige stellen und ihr benötigt auch keine vollständigen Erinnerungen. Das fand ich persönlich unglaublich erleichternd. Ihr müsst dort, soweit es eure Erinnerungen zulassen, nur auf ungefähr 4 Seiten kurz angeben oder ankreuzen was passiert ist. Da bei mir z.B so gut wie gar keine Erinnerungen existieren, habe ich halt auch nur die Bruchstücke aus Flashbacks genommen, die da sind. Zudem Dinge die mich sehr stark triggern, Kameras in einem bestimmten Kontext z.B. Ihr seht das dann auf dem Antrag, wie ich das meine.

Der Großteil des Antrags besteht dann aber eigentlich aus den gewünschten Leistungen. Ihr tragt dort ein, was ihr euch wünscht, legt die entsprechenden Nachweise mit bei und fertig.

Senden könnt ihr den Antrag dann als Scan per Email an kontakt-fsm@bafza.bund.de oder per Post an:

Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben
Referat 505 – Geschäftsstelle FSM
Auguste-Viktoria-Str. 118
14193 Berlin

Falls ihr Fragen habt gibt es auch eine Hotline: 0800 400 10 50

Viele Fragen werden aber auch direkt schon auf der offiziellen Website geklärt unter Fragen & Antworten.

Was braucht ihr für die gewünschten Leistungen?

  • eine Kostenaufstellung (bspw.: Wieviel kostet eine Stunde bei euer/m Therapeutin/en? Beim Führerschein habe ich einen Kostenvoranschlag benötigt oder bei dem Sport z.B die monatlichen Kosten, usw.)
  • evtl. Qualifikationsnachweise der entsprechenden Ärzte oder Therapeutin (z.B für die Kunsttherapie – Ich hab da einfach angerufen und dann haben die mir eigentlich alles notwendige zugeschickt)
  • evtl. einen Nachweis, das die beantragten Leistungen nicht oder nicht mehr von der Krankenkasse, Jobcenter o.ä Trägern übernommen werden (z.B weil euer Therapiestundenkontingent aufgebraucht ist oder die Stunden anderweitig nicht übernommen werden, oder bei einer Wohnungseinrichtung übernimmt ja z.B auch oft das Jobcenter sowas in Form einer Erstausstattung – Am besten fragt ihr bei den Trägern nach und lass euch das kurz schriftlich per Mail o.ä geben)
  • eine kurze Erklärung, inwieweit die beantragte Leistung mit dem Missbrauch in Verbindung steht bzw inwieweit sie den Schaden mindern kann (z.B bei Massagen wegen der Anspannung, Selbstverteidigung für mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, usw.)
  • ein aktueller Bericht eueres Therapeuten oder ein aktueller (bzw. der letzte) Klinikbericht – Ist glaube ich, aber kein Muss

Das hört sich erstmal nach total viel an, war aber letztendlich gar nicht so wild. Ich habe mir im Voraus überlegt, was ich machen möchte. Dann die passende Stelle im Antrag dazu gesucht (da ist alles schön und übersichtlich beschrieben) und dann rausgeschrieben, was ich dazu brauche. Und mit dieser Liste dann die einzelnen Stationen abtelefoniert.

Emotionale Belastung

Da ich ja normalerweise gar nicht so leicht triggerbar bin, habe ich die Auswirkungen etwas unterschätzt, wenn ich ehrlich sein soll. Als ich den Antrag angeklickt und die ersten paar Seiten überflogen habe, musste ich erstmal heulen wie ein Schlosshund🙈, weshalb ich das Ding dann auch beiseite legen musste. Beim nächsten Anlauf ging es dann schon ein bisschen besser, zumindest was das Geheule anging 😅. Körperlich machte mir das Ganze allerdings schon dezent zu schaffen. Die Haut juckte wieder überall, der Kopf tat weh, der Bauch schmerzte. Der Rücken fühlte sich total steif an und machte Ärger, Schwindel usw..

Dazu kam das Emotionale. Zuerst die starke Abneigung überhaupt weiter zu machen. Der Gedanke damit die Familie zu verraten. Etwas falsches zu tun.

Und dann gab es ein paar Probleme mit einer Freundin. Also da waren vorher schon ein paar Punkte die mich sehr störten, ich aber nichts sagte. Es gab dann einen ähnlichen Fall und das war, in diesem ganzen Kontext, einfach zu viel. Mir war aber schon bewusst, dass ich gerade total getriggert bin und ich deshalb so stark reagierte. Ich fühlte mich einfach total benutzt. Also nicht per se von ihr, sondern allgemein. Komplett. Wie ein dreckiger Gegenstand, der nur aus dem Schrank geholt wird, wenn er seinen Zweck für andere erfüllen soll. Die Konstellation von diesem Antrag, bzw. dessen Thema, und dann noch das, war einfach zu viel für mich und das hat einige Tage ganz schön reingehauen. Ich habe mich total eingekapselt und auf nichts und niemanden mehr reagiert.

Hilfe suchen

Unterschätzt das also nicht unbedingt. Holt euch ruhig Hilfe zur Seite, wenn ihr den Antrag ausfüllt. Muss ja nicht jeder so dickköpfig sein, wie ich 😅. Dazu könnt ihr in eine Beratungsstelle vor Ort gehen. Wo überall welche sind, findet ihr in diesem Link.

Meist kennen sich aber solche Stellen wie der Opferhilfe, Opferberatung, Wildwasser, Karo e.V, Beratungsstellen für Frauen (die Gewalt erlitten) oder LARA e.V gut damit aus und können euch weiterhelfen.

Dann könnt ihr euch bei generellen Fragen auch wieder an die oben genannte Nummer wenden oder bei konkreten Fragen erreicht ihr dienstags bis donnerstags von 09:00 bis 15:00 Uhr telefonisch jemand unter:

030 18555-1988

Was gibt’s noch dazu zu sagen?

Wenn euch der Antrag einmal genehmigt wurde, könnt ihr auch später nochmal Leistungen daraus beziehen (bis zu den max. 10.000€ eben). Also wenn ihr jetzt 20 Therapiestunden beantragt und später feststellt: ,,Huch, da könnte ich aber nochmal 10 brauchen.“ ist das kein Problem. Ihr erhaltet ein Zeichen (z.B „HFT64J“) und das gebt ihr bei weiterem Schriftwechsel einfach mit an. Ich hab jetzt auch nirgendwo rauslesen können, dass der Anspruch nach einer bestimmten Zeit verfliegt oder so. Also keine Panik, wer nicht alles innerhalb von einem Jahr verbraucht.

Weiter könnt ihr dann entscheiden, ob der Fonds die jeweils angefallene Rechnung direkt an der Empfänger zahlt (dazu müsst ihr eine Einverständniserklärung abgeben) oder ob ihr in Vorleistung geht und danach das Geld vom Fonds zurückerhaltet. Ich finde es jedoch ganz angenehm, dass z.B meine Therapeutin das direkt mit dem Fonds abrechnen kann und das nicht erst über mich laufen muss.

Letztendlich: 

Hatte ich riesen Bammel davor und fühlte mich im ersten Moment, so vor dem Antrag sitzend, auch mega überfordert. Dazu kam die Angst, dass wieder was abgelehnt oder unnötig in die Länge gezogen oder kompliziert gemacht wird. Aber es gab keine unangenehmen Fragen, kein Hick-Meck oder sonst was nerviges. Ich war wirklich positiv überrascht. Auch wurde mir alles genehmigt, ohne lange Diskussionen o.ä Ich kann von meiner Seite aus, es also nur jedem empfehlen.

Mein Antrag wurde bewilligt

Ich bin gerade richtig happy 😁

Kam heute mit der Post an.
Es wurde alles bewilligt. Mehr Therapiestunden, Massagen, Kunsttherapie und vor allem der Führerschein! 😁👏
Man muss dazu wissen, dass ich und Anträge normalerweise nicht so gut miteinander auskommen😅. Ständig wird da irgendwas abgelehnt oder ist unnötig kompliziert (hustRehahust), aber das ging echt mega schnell. Ich hab den Antrag Ende September erst eingereicht. Voll toll. Ich freu mich gerade richtig😊.

Ich werde euch in den nächsten Wochen auch einen Beitrag dazu machen, wie man die Gelder beantragt, was man alles dazu braucht, was man beachten muss und wie die Zahlungen dann von statten gehen. Also ich hatte dazu eigentlich schon was vorgeschrieben, nachdem ich ihn ausgefüllt hatte, aber irgendwie fand ich es dämlich „kluge Ratschläge“ zu vergeben, wenn ja nicht mal sicher war ob mein Antrag überhaupt so durchgeht😅. Und das muss ich auch noch überarbeiten und so. Mach ich euch aber auf jeden Fall fertig!

Ich kann jede/n Betroffene/n auch echt nur dazu ermuntern ebenfalls einen Antrag zu stellen (gerade z.B für mehr Therapiestunden oder andere Therapieformen die von der KK nicht unterstützt werden, wie Kunst-, Musik-, Tanz-, Reit- usw Therapie ). Ich hab das nämlich auch ewig nicht machen wollen. Meine Thera. hat mich mich dann letztendlich nochmal dazu angestupst. Und mittlerweile haben sie die Bearbeitungszeit auch geändert. Früher hat das, glaube, manchmal bis zu 2 Jahre dauern können. Das wurde dahingehend geändert, dass der Antrag jetzt innerhalb von 3 oder 4 Monaten bearbeitet werden muss.