Artifizielle Störung (und imitierte Dis)

Grrr, in mir sträubt sich gerade alles das zu schreiben 😑. Ansprechen, was das ist, will ich es aber trotzdem mal…

Als ich nämlich mal wieder tief in meinem Wahn steckte, dass ich mir alles nur einbilde und alles dramatisiere usw., bin ich auf die Artifizielle Störung gestoßen. Eigentlich wollte ich mir mit der Suche irgendwie mein: ,,Ich bin ein Lügner und nichts von dem was ich erzähle stimmt“ bestätigen (maaasochiiiistisch – ich sag´s doch 🤦‍♀️), ich schaff´s aber trotzdem immer mal wieder mich da rauszuziehen.

Besprechen wir jetzt also erstmal was das oben genannte ist und später erzähle ich euch, wie ich das abgleiche bzw. mich da dann versuche wieder rauszuholen.

Lest das bitte nur, wenn ihr stabil seid und euch nicht gerade in einer Phase des Zweifels bzgl der (p)Dis befindet! Ansonsten geht lieber direkt weiter zu „Mein Senf dazu“ und überspringt den Rest.

Was ist eine artifizielle Störung?

(Achtung! Ich finde das sehr triggend!)

Im ICD-10 ist sie als F68.1 Artifizielle Störung [absichtliches Erzeugen oder Vortäuschen von körperlichen oder psychischen Symptomen oder Behinderungen] angegeben.

,,Der betroffene Patient täuscht Symptome wiederholt ohne einleuchtenden Grund vor und kann sich sogar, um Symptome oder klinische Zeichen hervorzurufen, absichtlich selbst beschädigen. Die Motivation ist unklar, vermutlich besteht das Ziel, die Krankenrolle einzunehmen. Die Störung ist oft mit deutlichen Persönlichkeits- und Beziehungsstörungen kombiniert.“

Ist die Störung auf einen selbst bezogen, nennt man es oft auch das Münchhausensyndrom. Die Betroffenen geben wiederholt vor an einer Krankheit zu leiden. Sie übertreiben die Symptome stark oder lügen diesbezüglich und sie stellen sich oft kränker oder stärker beeinträchtigt dar, als sie sind.

Vorgetäuscht werden kann im Prinzip alles: Von verschiedenen Schmerzzuständen, Herzerkrankungen, Atemstillstände, epileptische Anfälle bis hin zu psychologischen Beschwerdebildern.

Symptome

  • Sie nennen Symptome die auf eine bestimmte Krankheit hindeuten (wie z.B einen Herzinfarkt) oder können aber auch Symptome nennen, deren Ursache auf verschiedene Erkrankungen hinweisen
  • Oft wissen sie über die Erkrankung, die sie vortäuschen, meist sehr gut bescheid (gutes medizinisches Wissen)
  • Sie können evtl. Änderungen an der Krankenakte vornehmen, um zu beweisen das sie krank sind
  • Es kann vorkommen, dass sie sich selbst Schaden zufügen, um bestimmte Symptome hervorzurufen (z.B stechen sie sich in den Finger, um einer Urinprobe Blut beizumischen)
  • Durch ihr umfangreiches Wissen, wissen sie die Behandler oft gezielt zu täuschen, welche sie dann in Kliniken einweisen oder sogar Operationen veranlassen
  • Die Täuschung geschieht absichtlich, der Grund ihres Handels bleibt ihnen jedoch größtenteils unbewusst
  • Betroffene wandern oft von Arzt zu Arzt und von Klinik zu Klinik

Das Klinikum Stuttgart sagt dazu:

,,Sie reagieren auffällig empathielos auf den Leidensdruck anderer.

Es besteht eine hohe Komorbidität mit dissozialen
Persönlichkeitsstörungen, Borderlinestörungen, depressiven Syndromen, Essstörungen, narzistischen und histrionischen Persönlichkeitsstörungen“

Diagnose

Ärzte erkennen diese Störung oft an folgenden Punkten:

  • Die Krankengeschichte der Patienten ist oft sehr dramatisch, dennoch aber widersprüchlich
  • Die Behandlungen und Eingriffe machen die Symptome nicht besser, sondern oft schlimmer (nach anfänglicher, kurzer Besserung finden die Betroffenen neue, andere Symptome oder verschlimmern die vorherigen)
  • Sie unterziehen sich freiwillig und gewollt diagnostischen Tests und (gefährlichen) Eingriffen
  • Sie wollen nicht, dass die Ärzte mit Angehörigen sprechen
  • Andere Erkrankungen wurden ausgeschlossen
  • Es gibt Hinweise auf Fälschungen, Übertreibungen oder Änderungen der Vorgeschichte
  • Es gibt keine offensichtlichen Gründe oder Anreize für den Betroffenen, die Erkrankung vorzutäuschen (z.B ein milderes Strafverfahren dadurch, Schadensersatzansprüche, usw.)

Fügt eine Person einer anderen Schaden zu, wie z.B Mütter ihren Kindern nennt man das das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Dort präsentieren sich die Mütter oft besonders besorgt und aufopferungsvoll und bestehen auf medizinische Eingriffe (bei den Kindern), bei welchen sie meist weniger besorgt sind.

Ursache

Genau geklärt, wann und warum so etwas auftritt, wurde es noch nicht. Höchstwahrscheinlich haben die Betroffenen in früher Kindheit viele Traumata erlitten, weshalb sie das Gefühl hatten nicht gesehen zu werden. Die Störung kann daher auch ein Leben lang bestehen bleiben.

Das Klinikum Stuttgart äußert diese Möglichkeiten:

,,Als mögliche Motive, allerdings ohne empirischen Nachweis werden u.a. diskutiert:

  • Verschaffen von Aufmerksamkeit, Fürsorge und Einzigartigkeitsgefühlen
  • Regulation von Effekten und Spannungen
  • Reinszenierung traumatischer Erfahrungen
  • Regulierung und Stabilisierung konfliktreicher Paarbeziehungen“

Und:

,,Trotzdem sind diese Patienten krank und benötigen Hilfe! Sie können für ihr Verhalten nicht oder nur teilweise moralisch verantwortlich gemacht werden.“

Was ist eine imitierte Dis?

Die imitierte Dis kann jetzt eine Form der artifiziellen Störung sein. Der Betroffene glaubt selbst darunter zu leiden, erfindet die Symptome jedoch.

Auffällig ist dabei meist, dass die Betroffenen ihre Symptome und „Persönlichkeitsanteile“ besonders begeistert und betont zur Schau stellen, was im Gegensatz zur typischen Verleugnung der Dis/pDis steht. Ebenfalls werden die Symptome meist nur sehr oberflächlich beschrieben und gehen daher wenig in die Tiefe. Auch werden eher die bekannten Symptome genommen und vieles, was sonst für die dissoziativen Störungen üblich, aber eher unbekannt ist, ausgelassen.

(Unbewusste) Gründe können dafür sein, dass Betroffene eine besonders ausgefallene oder schwerwiegende Erkrankung haben möchten. Möglich wäre aber auch die Imitation (was dann keine artifizielle Störung wäre), weil sie einer Haftstrafe entgehen wollen oder andere Vorteile daraus ziehen möchten.

Mein Senf dazu…

Dadurch ergibt sich jetzt auch ein klareres Bild für mich, warum so viele Dis-Betroffene anderen so was wie Hier (,,Die faken doch alle“) unterstellen. Ich könnte mir vorstellen, im Zuge der Verleugnung, sind so einige ebenfalls auf die artifizielle Störung gestoßen und übertragen das jetzt einfach auf andere – Wer sich selbst nicht glaubt, glaubt auch anderen nicht.

Vieles was da beschrieben wird, habe ich in den Trauma-Gruppen so nämlich (als Vorwurf gegenüber anderen) teilweise wortwörtlich gelesen.

Um das aber nochmal klar zu stellen: IHR HABT, nur weil es so etwas gibt, TROTZDEM NICHT DAS RECHT DAZU, JEMAND SO ETWAS ZU UNTERSTELLEN!

Ich muss immer wieder darauf zurückkommen: Mit welchem Recht wollt ihr wissen, anhand weniger Informationen, dass da gerade jemand faket? Weil bei euch etwas anders ist? Ihr anders damit umgeht? Sorry man, das ist so dermaßen arrogant und überheblich 🤷‍♀️.

Ich streite auf gar keinen Fall ab, dass es das gibt. Aber ich glaube nicht das irgendjemand, der mit den Leuten nix weiter am Hut hat, das Recht zusteht, so zu tun als wüsste er ob jemand ehrlich an etwas erkrankt ist oder nicht.

Zudem finde es auch sehr schwierig mich mit dieser Störung überhaupt näher auseinanderzusetzen, weil ich mir sowieso schon ständig einrede, dass ich mit allem lüge und völlig übertreibe. Ob man sich das als Betroffene dann gegenseitig noch vorwerfen muss (sodass man sich nicht einmal dort aufgehoben fühlen kann und ständig im Rechtferigungszwang ist) halte ich für fragwürdig.

Bin ich davon betroffen?

Keine Ahnung. Vielleicht?

Ich versuche (wenn die Verleugnung sehr stark wird) immer wieder zu reflektieren, was da steht und was bei mir Tatsache ist. Ich geh da mal kurz etwas näher drauf ein…

Also: Ich bin z.B nicht überzeugt von meinen Symptomen und schwäche sie eher ab, als das ich sie besonders darstelle. Mich kotzt das eigentlich im Gegenteil sogar extrem an, dass mein Erleben allein zuhause ein ganz anderes ist, als das in der Öffentlichkeit. Manchmal wünsche ich mir wirklich, ich könnte etwas davon nach Außen präsentieren. Einfach weil ich das Gefühl habe, dass man mich dann vll ernster nehmen würde. Das man dann sehen würde, wie es mir wirklich geht. Mitleid will ich da jedoch keins (damit kann ich sowieso nicht umgehen, das ekelt mich an), nur ernst genommen werden (also nicht ständig dieses: ,,Wieso? Sie sehen doch gut aus, ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihnen etwas fehlt“).

Ich erachte mein Leiden weiter auf keinen Fall als schlimmer oder wichtiger, als das der anderen. Das Gegenteil ist eher der Fall. Mit verschiedenen Symptomen und Krankheiten kenne ich mich recht gut aus, würde ich behaupten. Was aber auf jeden Fall daran liegt, dass mich interessiert was mit mir los ist und wie ich mir oder aber auch anderen helfen kann. Generell interessiert mich das Thema Psychologie schon seit meiner Kindheit stark.

Symptome erfinde ich keine, sondern ich erzähle was und wie ich es erlebe. Dennoch kommt es mir zu jeder Sekunde vor, als würde ich lügen. Aber auch da lässt sich eben schnell ein Faktencheck machen: Erlebe ich die Sachen wirklich, die ich erzähle oder erlebe ich sie nicht? Fertig. Glauben tue ich mir deshalb trotzdem nicht wirklich besser, aber objektiv lässt sich so zumindest auf ein Ergebnis kommen.

Seit ich mich mehr mit den verschiedenen dissoziativen Symptomen beschäftigt habe, nehme ich auch mehr wahr. Das trifft zu. Allerdings habe ich eigentlich fast alles davon auch vorher schon erlebt (also es ist nix neues für mich). Ich glaube, ich achte mittlerweile nur mehr darauf was wann wie auftritt. Vorher habe ich vieles einfach gar nicht als „unnormal“ angesehen.

Anteile besonders präsentieren?

Anteile stelle ich auch auf keinen Fall zur Schau. Solange ich das unter Kontrolle halten kann, lasse ich niemand raus 🙈 und rede auch möglichst nicht über sie. Auch nicht bei meiner Therapeutin. In meinem Büchlein habe ich verschiedene Namen stehen und auch Skizzen, von denen, die ich im Inneren glaube gesehen zu haben. Allerdings hat das noch keiner zu Gesicht bekommen und ich gebe auf meine Notizen auch keine Garantie. Einmal sagte ich meiner Therapeutin den Namen einer Persönlichkeit, was aber ziemlich nach hinten los ging. Nicht von seitens der Thera. aus, mehr weil es im Inneren deshalb ziemlichen Tumult gab.

Ich merke die Veränderung im Inneren schon manchmal und bestimmt wäre es sinnvoll, das in der Therapie auch direkt anzusprechen, um endlich mit damit arbeiten zu können, aber dazu ist meine Schamgrenze einfach zu hoch. Ich versuche es lieber zu ignorieren und so zu tun, als wäre nichts. Außerdem, selbst wenn ich es ansprechen würde, hätte ich eh das Gefühl gerade eine riesengroße Lügengeschichte aufzutischen. Das belastet mich dann zusätzlich, weshalb ich das darüber-Reden auch stark versuche zu vermeiden.

Aber ganz ehrlich?

Selbst wenn…

…es bei dir anders ist, weil du vll einen guten Kontakt zu deinem Innensystem hast und sich deine Leute eben einfach so zeigen wollen wie sie sind, ist das keine Bestätigung für das da oben.

Jeder geht mit der Sache anders um. Manche Verleugnen krass alles was dazu gehört, manche nicht. Manche wollen ihr System so anerkannt haben, wie es ist und manche nicht.

Selbst wenn du vll von Klinik zu Klinik „wanderst“, weil du dringend Hilfe suchst, welche du einfach nicht bekommst, ist das auch keine Bestätigung. Du suchst eben einfach nur Hilfe.

Nur weil du vll nicht die gleichen Symptome wie andere hast oder bei dir andersrum tatsächlich die „Lehrbuchsymptome“ im Vordergrund stehen und du darüber reden möchtest, ist das auch keine Bestätigung dafür, dass du dir alles nur einbildest oder es imitierst.

Ich glaube, gerade wer sich immer wieder fragt, ob er sich alles nur einbildet, übertreibt, lügt usw., da ist es eher wahrscheinlich das die Symptome auch echt sind. Ich meine, aus welchem Grund solltest du dir das alles einbilden und ausschmücken und dich gleichzeitig runtermachen dafür? So richtig Sinn ergibt das nicht 🤷‍♀️. Genau genommen, würde dieses Verhalten an sich schon sehr gespalten wirken 😉.

Im Endeffekt hilft aber vll auch eine Gegenüberstellung von dem was du tatsächlich erlebst (vll mit einem Ereignis, welches dir als Beispiel dient), wobei du dir nicht ganz sicher bist und von dem was nicht (was du aber sagst zu erleben). Schreib es auf. Mach greifbar, was sich sonst nur in deinen Gedanken abspielt. Bestimmt stellst du dann fest, dass du dir gar nicht soviel ausdenkst, wie du glaubst.

Und denkt bitte daran, dass wir von klein auf eingeredet bekommen haben, dass unsere Wahrnehmung falsch ist und wir nur schauspielern und lügen um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sowas speichert sich tief drin ab und verankert sich fest in unserem Denken! Das wir uns nicht glauben, uns für Lügner halten und denken wir würden alles nur für Aufmerksamkeit machen, ist doch völlig logisch. Was soll man denn anderes glauben, wenn man genau diese Worte, über sich, sein halbes Leben lang gehört hat?

2 Gedanken zu „Artifizielle Störung (und imitierte Dis)“

  1. Ich konnte nur den Teil ‚mein Senf dazu‘ lesen – danke für den klaren Hinweis [habe ihn bei Instagram gelesen und bin super dankbar, da es mich sonst bestimmt zerschossen hätte]. Ich bin grade dankbar für eure klaren Worte in dem Abschnitt. Du/ihr konntet [für mich]?so spürbar und nachvollziehbar darstellen wie ihr fühlt, wie ihr denkt und wie das euer Sein, euer Handeln und Selbstverständnis beeinflusst, teilweise erschwert. Ich denke, dass ich den Text noch einige Male lesen werde, da er ausdrückt, was ich seit Monaten versuche div. Professionisten näher zu bringe, die mich auch eher mit dem Satz ‚wie sehen doch fit aus.. das bisschen…da gibts aber ganz andere Fälle…‘ abspeisen 😔 DANKE für eure Transparent und Ehrlichkeit. Hier hilft es grade sehr. Danke, das ihr euch mit-teilt. Danke von Herzen.

    PS. unser Emailserver funktioniert zZ nur eingeschränkt, weshalb gesendete/empfangene Mails an den Absender zurückgingen. Wir arbeiten daran und wollen euch wissen lassen, das unsere Mailadresse nach wie vor gültig ist, auch, wenn sie grade im Streik ist.

    1. Ja ich finde dieses Thema auch extrem schwierig. Wisst ihr ja. Ist schon ein Stückchen her wo ich den Beitrag vorgeschrieben habe, aber während des Schreibens musste ich auch immer wieder lange Pausen machen und sehen das ich nur das Nötigste vom Nötigsten rauspicke. Es ist halt genau das, was man von sich selbst eh schon vorwirft. Aber gerade deshalb und weil halt überall immer wieder darüber geredet wird und so nach „wir sind die echten Betroffenen und du nicht, weil…“ wollte ich das unbedingt trotzdem mal mit ansprechen.
      Und schön wenn es auch etwas positives genutzt hat und euch oder vll auch anderen ein wenig helfen kann 😊

      Bzgl. Email werde ich mich, denke, auch nächste Woche ranmachen. Die letzten Wochen waren sehr turbulent und gerade sind wir bei einer Freundin zu Besuch, was aber recht gut tut. Aber zu so richtig viel kam ich nicht wirklich. Aber dann weiß ich ja bescheid, falls irgendwas wieder zurückkommt

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