Zweifel vs. Lügen

,,Wissen Sie wovor ich manchmal Angst habe? “ – ,,Nein, wovor denn?“ – ,,Das ich eines Tages hier her komme und Sie mich wegschicken. Das Sie dann wütend sind und sagen, dass Sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, weil sie meine ganzen Lügen durchschaut haben“ .

Mit dieser Aussage ging ich einmal in eine Therapiestunde. Ich saß im Wartezimmer und plötzlich überkam mich die fürchterliche Angst, dass genau das passieren könnte.

Das Gefühl zu Lügen ist aber anders als die Zweifel. Wenn wir an der Diagnose zweifeln, dann sind wir unsicher. Unsicher ob das alles stimmen kann, ob man sich das nicht doch alles nur einbildet. Ob man das nicht vllt doch nur alles erzählt und macht, weil man Aufmerksamkeit möchte oder etwas anderes für alles der Grund ist, was wir uns nur nicht eingestehen wollen. Man fragt sich dann: ,,Existieren die anderen wirklich oder bin das alles ich? Erfinde ich das alles nur? Haben sich auch die Behandler getäuscht? Oder habe sogar ich sie getäuscht?“ – Akzeptanz all dessen würde dazu führen, dass man auch das Trauma anerkennen, akzeptieren und realisieren muss. Oder das Erinnerungen bewusst werden, die aus einem guten Grund nicht mehr zugänglich sind.
Deshalb zweifelt man (oft).
Man ist sich unsicher und schwankt ständig zwischen Akzeptanz und dem Schmerz des nicht wahrhaben wollens/könnens. Und das kann einen extremen Leidensdruck mit sich ziehen.

Wenn mich jedoch das Gefühl überkommt, ich wäre ein Lügner, dann zweifele ich nicht mehr. Ich bin ÜBERZEUGT davon, dass ich lüge.

Als ich vor Wochen von der Massage kam (die der Fonds für s. Missbrauch übernimmt – Naja, zumindest wenn er denn auch mal zahlen würde), stand ich z.B danach zuhause in der Küche, bereitete das Essen zu und hatte auf einmal diese Sätze (+ dazugehörige Überzeugung) im Kopf:
,,Krass wie du es geschafft hast den Fond davon zu überzeugen, du wärst missbraucht worden und das die dir das jetzt einfach bezahlen. Naja, das klappte ja aber nur, weil du deine Therapeutin auch davon überzeugen konntest. Wahnsinn wie du das gemacht hast! Du hattest ein ganz normales, schönes Leben und hast es geschafft, jeden von deinen Märchen zu überzeugen! Das ist schon fast wieder beeindruckend!

Und das sind dann keine Gedanken, ob ich das VLLT gemacht haben könnte, sondern ich bin felsenfest davon überzeugt. Daran lässt sich dann nicht rütteln.
Ich lüge.
Die ganze Zeit.

Da hilft dann auch kein Realitycheck mehr, keine Listen oder Gegenüberstellungen. Nichts.
Diese Überzeugung ist so stark, so überstülpend, so absolut und nicht mit den Zweifel-Phasen vergleichbar (obwohl diese wirklich auch sehr stark und extrem belastend sein können!).
Da ist einfach keine Kontrolle mehr darüber möglich.
Auch egal welches Argument hergenommen wird (z.B das es Amnesien, Stimmen hören oder andere Symptome bereits gab, lange BEVOR ich überhaupt wusste was eine Dis ist), es wird von Innen ein Grund gefunden, dieses „logisch“ aus dem Weg zu räumen.
Und zwar damit, dass ich einfach Lüge. Chronisch.
,,Ich bin krank, wirklich krank“ ist dann immer wieder im Kopf. Krank, weil ich so ein abartiger Lügner bin. „Ich habe mein Lügen nicht mehr im Griff. Ich kann es einfach nicht beenden. Ich bin wirklich richtig krank und sollte mich lieber darauf behandeln lassen!“ (und im schlimmsten Fall kommen dann leider auch Selbstverletzungsgedanken/-handlungen verschiedenster Art).

Auch wenn ich manchmal Kommentare oder Mails bekomme, worin man mir sagt man finde sich in meinen Beschreibungen wieder, verstehe „ich“ das dann oftmals gar nicht.
,,Ich lüge doch. Ich erfinde das doch alles nur?! Wie kann sich da jemand darin wiederfinden?
Und dann werde „ich“ ganz verzweifelt.
,,Schau was für ein verdammt guter Lügner du bist! Bei wie vielen Menschen du geschafft hast, dass sie dir glauben! Therapie, Fonds, Podcast, Videos und ein Blog! Wenn die wüssten, dass du alles nur erfindest! Du bist gefährlich und schwer gestört! Die schadet allen Menschen nur!“ .

Die Angst zu lügen, begleitet Sie ja aber öfters…“ antwortete die Therapeutin damals auf unsere Befürchtung.
Ja, richtig, sie ist sehr oft präsent.
Aber warum?
Wir können schon lügen.
Ganz klar.
Und wir können genauso unauffällig lügen, wie wir uns Schmerz nicht anmerken lassen können. Wenn es notwendig ist und z.B irgendetwas Privates (durch Außenstehende) bedroht scheint.
Aber wir haben noch nie über unsere Geschichte gelogen. Es im Gegenteil eher noch relativiert.
Also woher kommt diese Angst oder gar diese Überzeugung?

Weil damals immer gesagt wurde, man wäre ein Lügner? Nichts würde stimmen, was man sagt. Und scheinbar gäbe es nicht mal einen erkennbaren Grund für diese ganzen Lügen (etwas das unsere Mutter stets betonte – ein Kind, das ihr aus reiner Willkür das Leben kaputt zu machen versucht).
Hat sich diese Überzeugung bei einigen deshalb so im Inneren verfestigt??
Ich weiß es nicht.

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